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Biloxi Blues 13 +

von Neil Simon
Deutsch von Andreas Pegler

Stückinfo

Ort: Renaissancetheater, Neubaugasse 36, 1070 Wien
Zeitraum: 04. April 2024 - 26. April 2024
Premiere: 06. April 2024
Dauer: 02:00 inkl. Pause
Regie: Folke Braband


Mississippi, 1943: Eugene Morris Jerome aus Brooklyn, New York, ist achtzehn und will eigentlich Schriftsteller werden, als er gegen Ende des zweiten Weltkrieges in die US-Armee zur Grundausbildung eingezogen wird. Dass er noch nie von zu Hause weg war, erkennt man dem naiven Jungen auf den ersten Blick an. Und ihm selbst erscheint dieser befremdliche Haufen junger Rekruten, mit dem er da zusammengespannt wird, mehr als seltsam. Nur einer sticht besonders heraus: der hochsensible, belesene und intelligente Arnold Epstein, der sich aus der Großstadt ins Militärlager Biloxi, Mississippi aufmachen musste. Und schon bald erobert er sich Eugenes Bewunderung: Epstein hat mehr gelesen und scheint auch ein genaueres Bild von den Aufgaben eines Literaten zu haben. Seine schonungslose Prinzipientreue ringt Eugene allen Respekt ab.
Es soll nicht lange dauern, bis dieser sich mit dem Vorgesetzten Sergeant Merwin J. Toomey anlegt und dessen raubeinigen Führungsstil mit Eloquenz und mentaler Standfestigkeit auszuhebeln versucht. Zwei unversöhnliche Welten prallen aufeinander, und es entspinnt sich ein Konflikt ungleicher Ansichten. Denn schließlich steht ihnen der Kampf bevor, Europa von einem rassistischen System des Antisemitismus und der Ausgrenzung zu befreien. Doch wie soll das gelingen, wenn man diese Tendenzen selbst im kleinen Kreis eines halben Dutzends Rekruten nicht in den Griff bekommt?
Zum ersten Mal sieht sich Eugene mit der Frage konfrontiert, ob er bereit ist, für seine Überzeugungen einzutreten, oder ob seine moralischen Haltungen nur seinem Tagebuch vorbehalten bleiben sollen.

Mit seinen mehr als 30 Komödien (darunter »Barfuß im Park«, »Ein seltsames Paar«) zählt der 2018 verstorbene Dramatiker Neil Simon zu den erfolgreichsten Theaterschriftstellern weltweit. Für das an seine Biographie angelehnte Stück »Biloxi Blues« erhielt er den Tony Award für das beste Theaterstück.


Aufführungsreche: S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Besetzung

Eugene Morris Jerome Robin Jentys
Joseph Wykowski Clemens Ansorg
Roy Selridge Curdin Caviezel
Don Carney Christian Dobler
Arnold Epstein Ludwig Wendelin Weißenberger
Sergeant Toomey Mathias Kopetzki
Rowena Simone Kabst
Daisy Hannigan Sophia Greilhuber
Regie Folke Braband
Bühnenbild Ulv Jakobsen
Kostümbild Irmgard Kersting
Licht Lukas Kaltenbäck
Dramaturgie Gerald Maria Bauer
Hospitanz Lukas Spring

Kritiken

KIJUKU.at – 08.04.2024

Unterschiedliche Reaktionen unter autoritärem Kommando

„Biloxi Blues“ von Neil Simon über Jungsoldaten, die in den USA auf den Kampfeinsatz im zweiten Weltkrieg vorbereitet werden, im Wiener Theater der Jugend.

„Biloxi Blues“ von Neil Simon über Jungsoldaten, die in den USA auf den Kampfeinsatz im zweiten Weltkrieg vorbereitet werden, im Wiener Theater der Jugend.
Im militärischen Ton herrscht die Stimme des Ausbildners aus dem Off das Publikum an, elektronische Lärmmacher auszuschalten – Zuwiderhandelnde müssten 100 Liegestütze absolvieren. Der erste Gag gelandet. Wiewohl sich das Stück „Biloxi Blues“ fast durchgängig ums Erlernen militärischer Disziplin der neuen Soldaten für den Ernstfall dreht, bleibt in der Inszenierung im großen Haus des Theaters der Jugend (Wien) doch auch hin und wieder Zeit und Raum für Schmunzeln oder Lachen. Insbesondere zu Beginn, als eines der Stockbetten der Kaserne (Bühnenbild: Ulv Jakobsen; Kostüme: Irmgard Kersting) noch vor dem eisernen Vorhang Abteil des Zuges ist, der die neuen Soldaten nach Biloxi im Süden des US-Bundesstaates Mississippi bringt.

Vorbereitung auf den Ernstfall

Viel öfter aber reißt’s dich in den folgenden zwei Stunden, wenn der Kommandant, Sergeant Toomey (Mathias Kopetzki), die Rekruten anbrüllt, niedermacht, fies und falsch nett die einen gegen die anderen ausspielt, aufhetzt… Doch selbst diese Figur ist im Stück von Neil Simon (Deutsch: Andreas Pegler; Regie: Folke Braband) nicht eindimensional angelegt. Selbst im Einsatz schwer verletzt (halbes Hirn weg), gelingt es ihm, zu vermitteln, dass – so krass es ist und so hart es klingt – im Schützengraben keine Zeit für Nachdenken und Diskussionen bleiben wird. Und diese Soldaten werden – 1943 – vorbereitet für den Einsatz zur Beendigung des zweiten Weltkriegs.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durfte übrigens schon vor mehr als einem Monat in einer frühen Probenphase der Erarbeitung der ersten beiden Szenen zusehen – Links zur Reportage und vielen Interviews am Ende dieses Beitrages.

Unterschiedlichste Charaktere

Stück, Regie und Besetzung sowie Spiel der Soldaten-Darsteller erlauben unterschiedlichste Charaktere. Vom vordergründigen Loser, dem Hirn des Zimmers und auf seine Art Widerständigsten Arnold Epstein (Ludwig Wendelin Weißenberger) über den immer wieder aus der Soldatenrolle rausschlüpfenden Chronisten, der an seinen Memoiren schreibt (und damit eine Art Alter Ego des bekannten Theaterautors ist), Eugene Morris Jerome (Robin Jentys), den  Zurück- und sich Heraushaltenden Don Carney (Christian Dobler), weil er ohnehin schon mehr als genug rassistische Attacken erlebt hat sowie Joseph Wykowski (Clemens Ansorg), der sich immer wieder besonders stark und männlich geben will/muss bis hin zu Roy Selridge (Curdin Caviezel), dem nicht gerade Hellsten der kleinen Truppe, der damit aber mehr Freiraum für sein Handeln hat.


Neben dem Übermaß an Testosteron kommen in diesem Stück zwei Frauen nur in Nebenrollen vor. Im zweiten, kurzen, Teil tauch Sophia Greilhuber als Klosterschülerin beim Ausgang in den Tanzpalast als Daisy Hannigan auf. Zwischen ihr und Eugene Morris Jerome, der so gar nicht tanzen kann und will knistert es vor allem intellektuell – und ein bisschen mehr.
Simone Kabst schlüpft in die Rolle von Rowena, einer Prostituierten, die ihre Dienstleistung den Soldaten verkauft – und in der einzig zu sehenden Begegnung mit dem schüchternen Chronisten humorvoll diesen aus der Reserve lockt.

Wie würde ich…

Eine der spannendsten Szenen spielt sich gegen Ende ab, als der stockbesoffene Sergeant Toomey seinen intellektuell und moralisch haushoch überlegenen Widersacher Arnold Epstein zu einem gefährlichen (Gedanken-)Spiel herausfordert. Da bleibt immer wieder der Atem als Zuschauer fast stocken – doch Details seien hier nicht gespoilert.
Nur so viel – jenseits dieser Szene – immer wieder provozieren Stück und Inszenierung durchaus die innerliche Frage, wie würde ich da selber reagieren – in dieser oder einer anderen Zwangslage. Die so oder anders wohl unter weniger dramatischen Umständen und ohne Uniform, aber dennoch in einem Autoritätsgefälle, nicht so selten sind.

Heinz Wagner


Online Merker – 07.04.2024

Freue Dich aufs Militär....

(...)
An sich hatte das Theater der Jugend ein eigenes Jeanne d’Arc-Projekt geplant, das verschoben werden musste. Mit den „Biloxi Blues“ von Neil Simon hat man, ungeachtet dessen, dass das Stück knapp 50 Jahre alt ist, für die Premiere im Renaissancetheater einen idealen Ersatz für hier und heute gefunden. Denn ob in der Ukraine und in Rußland, ob in Israel, überall müssen heute junge Männer zum Militär und werden in Kriege geschickt. Simon schaffte in diesem Stück, das seine eigenen Erlebnisse nacherzählt, das Kunststück, die Verhältnisse im Militärcamp Biloxi in Mississippi mitten im Zweiten Weltkrieg nicht zu verharmlosen, aber das Ganze letztendlich doch in seinen unwiderstehlichen Humor zu tauchen.
Es geht um Eugene Morris Jerome, einen jungen Juden mit schriftstellerischen Ambitionen, der nicht gerne zum Militär geht, aber zumindest die Gelegenheit für Feldstudien des Alltags benützt. Er notiert in seinem Notizbuch alles, was er an den vier Kollegen seines Zugs und dem Vorgesetzten (der äußerlich ein genau so sadistischer „Schleifer“ ist, wie man ihn in zahlreichen US-Militär- und Soldatenfilmen kennt) beobachtet..
Erstaunlich, wie Simon mit Meisterhand schnell und doch nachdrücklich zahllose Probleme aufblättert – den allseitigen Rassismus (wir haben da zwei Juden, einen Schwarzen, einen „Pollaken“), die damals noch verbotenen homosexuellen Schwingungen, die Machtkämpfe der jungen Männer untereinander (wo die „Bullies“ auf die „Softies“ losgehen, wie immer im Leben), die Problematik, wie junge Männer mit den Zwängen des Gehorsams und sinnlosen Schikanen umgehen… da ist viel drin, das nicht verschleudert wird.
Freilich, wenn es um ganz Privates geht (wenn Eugene endlich seine Unschuld verlieren und sich „richtig“ verlieben will), dann herrscht das wohlige Lustspiel-Gefühl, das Neil Simon immer vermitteln konnte (und was ihn zum millionenschweren Welterfolgs-Autor machte).. Aber das ist nur das Sahnehäubchen auf einem Stück, das der „ernsten“ Seite des Autors zuzuordnen ist.

Das Theater der Jugend hat mit Regisseur Folke Braband einen besonders guten Griff getan, denn es ist eine besonders gute Inszenierung geworden, perfekt ausgewogen, ohne in irgendeine Richtung zu übertreiben (was gut bzw. mit schlechtem Effekt möglich wäre), Und die Besetzung ist bemerkenswert, besonders der Erzähler Eugene, eine absolute Meisterleistung des jungen Robin Jentys, der persönliche Unschuld, „dichterische“ Ambition und den Lernprozeß des Lebens vollendet wiedergibt. Und auch die zweite Judenfigur Arnold Epstein, an der Neil Simon über die leicht schrägen Überlegungen eines talmudisch geschulten Geistes lächelt – Ludwig Wendelin Weißenberger macht Sturheit so glaubhaft wie Intellekt.

Ganz interessant ist auch der Farbige Don Carney gezeichnet, ein junger Mann, der gelernt hat, sich zu ducken, damit er nicht dauernde Zielscheibe von Rassismus wird (und froh ist, wenn Leute sich statt dessen die Juden dafür aussuchen): Christian Dobler bietet in einem starken Körper ein tiefes Gemüt. Die beiden Rabauken der Fünfer-Gruppe (Clemens Ansorg als Joseph Wykowski und Curdin Caviezel  als Roy Selridge) zeigen, dass es auch noch etwas hinter der rauen Schale gibt.
Möglicherweise ist die Figur des Sergeant Toomey etwas zu klischeehaft ausgefallen, aber Mathias Kopetzki bringt gewissermaßen den Erkenntniswert für jene Männer im Publikum mit, die unter solchen Leuten gelitten haben… Simone Kabst ist eine souveräne einschlägige Dame, die junge Herren ins Liebesleben einführt, und Sophia Greilhuber als Daisy hat den Zauber junger Frauen aus Hollywoodfilmen von einst.
Das jugendliche Publikum begrüßte den Abend geradezu enthusiastisch. Er ist vom Stück und von der Qualität der Aufführung her unbedingt auch für ein „erwachsenes“ Publikum nicht nur in Begleitung des Nachwuchses hoch geeignet.

Renate Wagner


Materialien

Unsere theaterpädagogischen Materialien zu »Biloxi Blues« bieten Ihnen Informationen, Fragebögen, Spiele und Szenenvorschläge! So können Sie die besuchte Aufführung mit Ihrem Kind oder Ihrer Klasse auf fantasievolle Weise vor- und nachbereiten.

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