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Grußwort von Thomas Birkmeir

Liebes Publikum,

vielleicht kennen Sie diese Geschichte: Als Churchills Berater im Zweiten Weltkrieg die Förderungen für Kunst und Kultur kürzen wollten, soll der Premierminister entrüstet verneint und fassungslos gemeint haben: »Und wofür kämpfen wir dann?«

Es ist wohl ein Segen, wenn die Machthabenden eines Staates sich so sehr mit ihrer Kunst und Kultur identifizieren, dass sie sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen können und mögen. Denn Kunst und Kultur sind Ausdruck des menschlichen Daseins. Eine Regierung, die das nicht ernst nimmt, ist wohl weniger an den Menschen als am eigenen Machterhalt interessiert.

Es ist eine besondere Eigenart der Demokratien, dass sie sogar und insbesondere systemkritische Kunst und Kultur fördern und pflegen. Denn ganz abgesehen von der Meinungsfreiheit der Einzelnen, die auch den künstlerischen Ausdruck einbezieht, zeigt sich hierin, dass Kunst und Kultur als Treibstoff einer funktionierenden Gesellschaft verstanden werden. Kulturelle Auseinandersetzungen spiegeln gesellschaftliche Debatten wider, sie bieten Reibungsflächen zur Wirklichkeit, sie weisen über das alltägliche Geschehen hinaus. Kunst und Kultur sind eine wesentliche Grundlage einer offenen Gesellschaft.

Ein Staat, der an seiner Bevölkerung interessiert ist, fördert die (kritischen) Künste. Auch die Kunst und Kultur anderer Ethnien. Denn darin liegt die Grundlage für einen kreativen Umgang mit der eigenen Geschichte und mit der Zukunft der Gesellschaft, sowie die Möglichkeit von Integration. Ein lebendiges kulturelles Leben macht eine Stadt oder Gemeinde lebenswert und attraktiv. Es bietet Anregung, Gemeinschaft, Identifikation und Unterhaltung.

»Man sollte alle Tage ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen«, meinte gelassen der große Goethe gegen sein Lebensende – und tatsächlich haben WissenschaftlerInnen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg die Wirkung von Kunst auf Menschen unterschiedlichsten Alters untersucht. Dabei zeigt sich, dass sowohl die aktive künstlerische Betätigung als auch die »passive Kunstnutzung« zu einer »Steigerung der funktionellen Verbindungen im Ruhenetzwerk des Gehirns führt«. Das heißt in einfachen Worten: das subjektive Wohlbefinden steigt, die psychologische Widerstandsfähigkeit verstärkt sich, schlicht: dem Menschen geht es besser.

Kultur muss man lernen, man muss sie einüben, sie ist uns nicht in die Wiege gelegt, und leider zeigt die Menschheit oft genug, dass sie Ideen wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – die eigentlich Mindeststandards sein sollten – leichtfertig über Bord wirft.

Dass die »Kultur im Herzen jedes einzelnen beginnt«, wusste schon der unbequeme, systemkritische Johann Nepomuk Nestroy. Und diese »Herzensbildung«, die Nestroy meinte, ist wohl auch die Grundlage für den Respekt gegenüber Andersdenkenden, der »anderen Kultur«. Denn was wären meine eigene Kunst und Kultur schon wert, wenn sie sich nicht ständig neugierig erweitern wollten?

So ist die Neugier auf »das Andere«, »das Neue« wohl die Hauptschlagader dieses »kulturellen Herzens«, denn wo die Kultur seine Tentakel nicht nach Unbekanntem, Unerhörtem und Gegensätzlichem wissbegierig ausstreckt, ist sie nichts anderes als stumpfe, dumpfe, erstarrte Tradition.

Kunst und Kultur sind also nicht nur »systemrelevant«, sondern grundlegend für menschliches Zusammenleben.

Wie sehr auch unser Publikum die »Kultursparte Theater« vermisst, haben viele ermunternde Briefe und noch mehr Anfragen zum Abo für die Saison 2020/21 gezeigt.

Auch wenn wir beim Entstehen dieses Editorials leider davon ausgehen müssen, dass viele BesucherInnen, wegen der Corona-Bestimmungen, womöglich keine Plätze mehr bekommen können, versprechen wir, so viele Vorstellungen wie möglich zu spielen, um einen großen Teil unseres 250.000-köpfigen Publikums zufrieden zu stellen!

Denn Kunst und Kultur existieren nicht, wenn sie nicht gesehen werden. Und deshalb arbeiten wir daran, dass Ihre Kinder und Sie sich wieder über spannende, facettenreiche und umfassende Angebote freuen können, dass Sie sehen, um wie viel mehr die Begegnung mit Kunst und Kultur das Leben bunter und vielfältiger macht, dass sie für Verständnis sorgt, manchmal auch Unverständnis hervorruft – immer aber die eigenen Horizonte öffnet.

Tun Sie Ihrem Herzen und den Herzen Ihrer Lieben etwas Gutes! Mein Team und ich freuen uns auf Sie!

Ihr

Thomas Birkmeir
Künstlerischer Direktor

Thomas Birkmeir

Thomas Birkmeir