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Grußwort von Thomas Birkmeir

Liebes Publikum,

Zunächst wollen wir uns ganz herzlich bedanken: Durch einen wahren Ansturm haben Sie und Ihre Kinder im Mai und Juni dazu beigetragen, dass die zur Verfügung stehenden Sitzplätze in unseren beiden Häusern zu 100% ausgelastet waren! Offensichtlich haben Sie »Ihr Theater der Jugend« nicht vergessen und warten – wie auch wir – gespannt darauf, dass wir uns wieder in vollen Theaterräumen begegnen dürfen, um gemeinsam zu lachen, unterschiedlicher Meinung zu sein, nachzudenken und Dargebotenes zu beklatschen oder in Frage zu stellen.

Manche meinen, nach großen Katastrophen wäre zumindest immer die Möglichkeit gegeben, Neues aufzubauen und nie Dagewesenes auszuprobieren. Mag sein… Auf alle Fälle aber sollten wir reflektieren, welche Fehler wir nicht wiederholen sollten. Hier darf sicher aufgelistet werden, dass es durchaus befremdlich war, einer ganzen Gesellschaft die Möglichkeit zur kulturellen Begegnung zu entziehen.
Angesichts der Isolation, die viele von uns, nicht zuletzt unsere Kinder und Jugendlichen über sich ergehen lassen mussten, stellte sich im vergangenen Jahr besonders klar die Frage, was einen seelisch nährt und was einem Kraft gibt. In diesem Zusammenhang fiel sehr häufig das Wort Resilienz, das nichts anderes bedeutet als »schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen«.

Dass jeder von uns im Durchschnitt vier Kilogramm zugenommen hat, mag noch zu den kleineren Übeln zählen, PsychologInnen stellen fest, dass nach dem vermeintlichen Ende der Pandemie wesentlich mehr Kinder und Jugendliche (und natürlich auch Erwachsene) unter psychosomatischen und psychischen Auffälligkeiten leiden als vorher.

Dachte man früher, Resilienz sei angeborene Glückssache, weiß man heute, dass sie sich bis zu einem gewissen Grad entwickeln und trainieren lässt. Unbestritten ist dabei, dass kulturelles Interesse und Teilhabe die persönliche Widerstandskraft stärkt. Ein Theaterbesuch kann also zur seelischen Gesundheit beitragen!

Theater verbindet

Wer in einem Theaterraum sitzt, tut dies mit vielen anderen. Für ein, zwei Stunden entsteht ein einzigartiges, unwiederbringbares soziales Gefüge, eine Ansammlung von Menschen, die ähnlich empfinden, an manchen Stellen spontan losprusten, an anderen mucksmäuschenstill vor knisternder Spannung sind. Wir teilen unsere Gefühle den Mit-Zuschauenden unvermittelt und unbewusst mit und erleben dadurch ein Miteinander. Soziales Eingebundensein gilt als einer der wichtigsten Resilienzfaktoren.

Theater erweitert den Horizont

Gutes Theater zeigt neue Blickwinkel auf. Dinge, die man bisher vielleicht als unwichtig eingeschätzt hat, bekommen plötzlich Gewicht, fremde Gedanken dürfen gedacht und auf der Bühne verhandelt werden, man wird eingeladen, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen und die Welt mit seinen oder ihren Augen zu sehen. Das führt vielleicht zu einem »Aha-Erlebnis« und kann dabei helfen, die eigenen Probleme neu zu bewerten. Menschen scheinen seelisch widerstandsfähiger zu sein, wenn sie einer schlechten Erfahrung auch etwas Gutes abgewinnen können, also ihr Denken relativieren können. Das Ende des Horizonts ist eben nie das Ende, wenn man nur einen Schritt weiter geht…

Theater trainiert den Charakter

Mit dem Theaterbesuch begibt man sich in ein geistiges Trainingslager. Kein Theaterabend kann bestehen, wenn alles »eitel Sonnenschein« ist. Das würde uns langweilen. Wir brauchen den Konflikt auf der Bühne, das scheinbar unlösbare Problem, das die/der HeldIn lösen muss. Dadurch, dass wir uns mit ihnen identifizieren, begeben wir uns ebenfalls – freiwillig! – in eine meist bedrohliche, schier ausweglose Situation. Wir wissen zwar, dass wir nach der Theatervorstellung noch zum Eis essen gehen werden, müssen aber vorher noch kurz den »bösen Drachen« erledigen oder zumindest den Menschen, der uns Übles will, besiegen. Indem wir innerlich nach Auswegen suchen, »lösungsorientiert mitfiebern«, vielleicht auch flüchten wollen, aber dennoch unserer/em HeldIn beistehen und den Theatersaal deshalb nicht verlassen, schulen wir das, was die Psychologie »posttraumatische Reifung« nennt. Der Grieche Aristoteles beschrieb diesen Vorgang als »Katharsis«, was so viel wie »innere Reinigung« heißt. So kann ich, sollte mir eine ähnliche Situation im wirklichen Leben zustoßen (und böse Drachen lauern überall!), womöglich gestärkt auf sie zugehen, da ich sie ja schon einmal »erlebt« habe und heil daraus hervor ging.

Theater ist Kultur-Vielfalt

Theater hat eine direkte Verbindung zu menschlichen Grundbedürfnissen wie Spielen, Tanzen, Singen, Sich-Verkleiden oder Maskieren. Wie das Ritual oder das Fest ist das Theater seit jeher Bestandteil unserer »performativen Ausdrucksformen«. Durch den Theaterbesuch bilden wir unsere Kultur heraus, wir stimmen gleichsam darüber ab, was wir sehen wollen oder was wir nicht sehen wollen. Das Gute dabei ist, dass wir eine überaus neugierige Spezies sind. Wir wollen eigentlich dem Neuen, dem Unerwarteten, ja, dem Fremden begegnen, diesem »Das-ist-nicht-so-wie-ich«. Wir sind von klein auf wissbegierig und möchten uns der Diversität, die uns das Leben bietet, öffnen: Es könnte ja sein, dass wir etwas Lebenswichtiges daraus lernen! Erst im Erwachsenenalter nimmt diese Bereitschaft bei einigen leider bedenklich ab… Gutes Theater hat »die Kindheit in die Tasche gesteckt« und ist nur lebendig, wenn es keine Grenzen kennt. Wer das »Andere« kennen lernt, braucht vor ihm keine Angst mehr zu haben und kann vielleicht sogar Nutzen daraus ziehen. Auch das ein wichtiger Moment der Resilienz, denn: Vielfalt (der Möglichkeiten) ist ein Vorteil.
Kultur im Allgemeinen und Theater im Speziellen machen also stark! Und bestimmt fallen Ihnen und Ihren Kindern noch viele andere Momente ein, in denen Kunst und Kultur »Seelennahrung« waren, Kraft und vielleicht sogar ein wenig »Lebenshilfe« gegeben haben.
Nun – endlich! – sind die Pforten wieder geöffnet.
Schwingen Sie sich – in unserer neuen Saison – mit Quasimodo die Glockenseile hinauf, besiegen Sie an der Seite des kleinen, dicken Ritters tatsächlich einen Drachen, wirbeln Sie mit Anne auf Green Gables alles durcheinander, irren Sie mit Odysseus durch gefährliche Wasser, oder lassen Sie sich mit Amadé und Antoinette in eine fremde Wirklichkeit entführen, helfen Sie Peter Schlemihl dabei, seinen Schatten wieder zu finden und Christopher Boone einen verzwickten Kriminalfall zu lösen, oder erfahren Sie die Wahrheit darüber wie der junge William Shakespeare einen Freund fürs Leben fand!

Wir freuen uns auf Sie!

Ihr

Thomas Birkmeir
Künstlerischer Direktor

Thomas Birkmeir

Thomas Birkmeir