Spielplan 2025/2026
Wolf 11 +
von Saša Stanišić
in einer Bühnenfassung von Claudia Waldherr
Stückinfo
| Ort: | Theater im Zentrum, 1010 Wien, Liliengasse 3 |
|---|---|
| Zeitraum: | 18. April 2026 - 21. Juni 2026 |
| Premiere: | 21. April 2026 |
| Dauer: | 01:50 inkl. Pause |
| Regie: | Claudia Waldherr |
»Jörg ist wie alle eigen und wie alle anders, er wird aber von den anderen noch mal andersiger gemacht, verstehst du?«
Saša Stanšić. »Wolf«
Seit Kemi und seine Mutter zu zweit den Alltag bewältigen müssen, läuft nichts mehr so, wie der 13-jährige Einzelgänger es sich wünscht. Diesen Sommer zum Beispiel muss er in ein Ferienlager, das zu allem Übel auch noch mitten im Wald liegt – Für Kemi der absolute Albtraum, verbringt er seine Zeit doch am liebsten damit, sich ganz alleine in ein gutes Buch zu vertiefen. Als wäre es nicht schon genug, den Urlaub mit den nervigen Klassenkamerad*innen zu verbringen, darf Kemi sich nun auch noch mit überambitionierten Betreuer*innen herumschlagen. Zeit zum Lesen bleibt hinsichtlich der pädagogisch wertvollen Kinderbespaßungsmaschinerie mit Sicherheit nicht.
Zu allem Überfluss ist Marko auch mit von der Partie. Gott sei Dank hat er sich den Außenseiter Jörg als Zielscheibe für seinen Hohn und Spott ausgesucht. Warum? Jörg ist anders, geht leidenschaftlich gerne wandern und heißt halt Jörg, das reicht. Glück gehabt, oder? Denn – und dessen ist sich Kemi schmerzlich bewusst – gäbe es Jörg nicht, wäre wohl er selbst das perfekte Opfer für Markos sadistische Späße. Und so bleibt ihm nur – wie allen anderen auch – zuzusehen, wie das Mobbing immer bedrohlichere Züge annimmt. Hilfe von den Erwachsenen ist leider nicht zu erwarten, scheinen sie doch mindestens ebenso überfordert wie die jugendlichen Campbewohner*innen. Doch wann ist der Zeitpunkt da, an dem man nicht mehr zusehen kann? Und wie bringt man den Mut auf, sich dem Mobber entgegenzustellen? Und am allerwichtigsten: Was hat es mit dem unheimlichen Wolf auf sich, der Kemi nachts den Schlaf raubt? Zum Glück ist er nicht gänzlich allein mit den Herausforderungen des Ferienlageralltags, findet sich doch ein unkonventioneller Verbündeter, wo er am wenigsten damit rechnet: hinter den Kochtöpfen der Campküche.
Aufführungsrechte: Saša Stanišić
Besetzung
| Kemi | Mino Dreier |
| Jörg | Jonas Graber |
| Piet / Marko / Hirsch Dietmar / Wolf | Valentin Späth |
| Mutter / Bella / Benisha / Wolf | Sascia Ronzoni |
| Koch / Beate / Kletterlehrer Axel / Wolf | Frank Engelhardt |
| Regie | Claudia Waldherr |
| Bühnenbild | Daniel Sommergruber |
| Kostümbild | Nina Holzapfel |
| Licht | Barbara Zukal |
| Puppenbau | Soffi Povo |
| Dramaturgie | Sebastian von Lagiewski |
| Assistenz und Inspizienz | Natalie Ogris |
| Hospitanz | Emma Hirt |
Kritiken
vol.at / APA – 22.04.2026Mutig gegen Mobbing: "Wolf" im Theater der Jugend
Mit seinem Jugendroman “Wolf” hat der deutsch-bosnische Autor Saša Stanišić (“Herkunft”) 2024 den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen. Im Wiener Theater der Jugend steht nun die Dramatisierung des Stoffs rund um Mobbing, Angst und Mut auf dem Spielplan. Die höchst gelungene Bühnenfassung von Claudia Waldherr wurde bei der Premiere am Dienstagabend heftig akklamiert, was auch den trotz des schweren Themas locker-humorvollen Darstellungen des Ensembles geschuldet war.
Der 13-jährige Kemi ist genervt. Seine nunmehr alleinerziehende Mutter schickt ihn in den Ferien mit seinen Klassenkameraden auf ein Waldlager. Blöd nur: Kemi hasst die Natur. Und von seinen Schulkollegen könnte er auch mal eine Pause vertragen. Da die Alternative jedoch die öde Ferienbetreuung im Schulgebäude wäre, fügt sich der Bursch. Daniel Sommergruber hat im Theater im Zentrum mithilfe von echten Baumstämmen und geschickten Schattenspielen jenen Wald geschaffen, in dem Kemi in Sneakers und T-Shirt recht verloren gegen die Gelsen kämpft. Als er sich dann ausgerechnet eine Hütte (hier: zwei zwischen den Baumstämmen aufgespannte Hängematten) mit dem verschrobenen Naturfreak Jörg teilen muss, ist er der Verzweiflung nah.
Mino Dreier als hipper Stadtbursch Kemi und Jonas Graber als sich an seinen Wanderrucksack klammernder Underdog geben ein herrliches Paar ab, das sich einander im Laufe des 110-minütigen Abends (eine Pause inklusive) langsam aber stetig annähern wird. Doch der Kultur- oder besser Natur-Schock ist mit dieser Schlafplatzeinteilung noch nicht zu Ende. Valentin Späth gibt mit blonder Langhaarperücke einen hyperaktiven Lagerleiter, der zwanghaft mit vermeintlichen Jugendwörtern um sich wirft und die Pflanzen mithilfe einer App zu bestimmen versucht.
Ihm zur Seite steht mit Sascia Ronzoni eine singende und trommelnde Hippie-Braut, die die Jugendlichen mehr abschreckt als anlockt. Und ob man das, was der ungepflegte, mürrische Koch (Frank Engelhardt) da über dem Feuer zubereitet, essen möchte, ist auch fraglich. Kurzum: Kemi will sofort wieder nach Hause, zumal der Rüpel Marko (ebenfalls Valentin Späth) sich einen Spaß daraus macht, Jörg ununterbrochen zu schikanieren – während Kemi vor Angst erstarrt tatenlos zuschaut.
Leuchtende Wolfsaugen und gefährliche Seilschaft
Doch des nächtens beginnt es in dem jungen Mann zu arbeiten. In seinen Träumen begegnet ihm ein unheimlicher Wolf mit glühenden Augen (Puppenbau: Soffi Povo), der sich auf den schlafenden Jörg stürzt. Und als tagsüber ausgerechnet der fiese Marko eingeteilt wird, um Jörg beim Klettern zu sichern, wird aus dem Mobbing plötzlich eine reale Gefahr. Doch mittlerweile hat Kemi mit dem Koch einen Verbündeten gefunden, der ihm das nötige Selbstvertrauen gibt, um für den gemobbten Jörg einzustehen und Marko entschieden entgegenzutreten. Das wiederum beeindruckt auch die angebetete Schulkollegin Benisha (Ronzoni). Und so gerät das Ferienlager zu einem veritablen Ermächtigungscamp.
Während Mino Dreier und Jonas Graber ihre Figuren im Laufe des Abends solide entwickeln, beeindrucken Valentin Späth, Sascia Ronzoni und Frank Engelhardt nicht zuletzt dank der prägnanten Kostüme von Nina Holzapfel mit dem rasanten Wechsel zwischen ihren Dreifachrollen (plus Führung der Wolf-Puppe). Der dem Stoff eingeschriebene Humor kommt trotz des ernsten Themas nicht zu kurz. Und so gibt es nicht nur Szenen zum Fürchten, sondern auch welche zum Lachen. Ein gelungener Abend als vorletzte Premiere in der Direktion von Thomas Birkmeir, dem im Herbst Aslı Kışlal folgt, die ihre Pläne im Oktober vorstellen wird.
Sonja Harter
Kurier – 22.04.2026
"Wolf" im Theater der Jugend: Wer anders ist, muss büßen
Es könnte kaum schlimmer sein. Ferienlager, andere Jugendliche, Wald. Kemi, 13, fährt widerwillig, ausschließlich seiner Mutter zuliebe, in dieses verdammte Ferienlager. Weder die die sogenannte Natur noch andere Jugendliche interessieren ihn. Er will lesen und seine Ruhe haben.
Es wird tatsächlich noch schlimmer. Ausgerechnet mit Jörg muss er sich das Zimmer teilen. Jörg, dieser merkwürdige Typ, der behauptet, er gehe gern wandern. Jörg, der immer mit seinem peinlichen Rucksack herumrennt und komische Sachen sagt- „Pfoten“ statt Hände! Und außerdem: Wer heißt heutzutage schon Jörg?
Dazu berufsjugendliche Betreuer -ein gewisser Herr Petritsch, der unbedingt „Pete“ genannt werden will - und eine penetrant gut gelaunte Esoterik-Tante, die die ganze Zeit singt und trommelt. Beide sind wenig an der Betreuung der Kids interessiert, die hier ihre Ferien verbringen müssen oder dürfen, je nach Perspektive. Sie checken ganz offensichtlich nicht, dass ein unguter Störenfried die anderen drangsaliert. Konflikte sollen die jungen Leute doch bitte am besten selbst lösen, meinen sie. Von wegen.
Die Hölle sind die anderen
Nachts wird Kemi von Alpträumen heimgesucht. Der Wolf kommt jede Nacht zu ihm. Der Wolf ist ein Symbol für alle seine Ängste: Sozialer Druck, Außenseitertum, Mobbing. Es dauert eine Weile, bis Kemi draufkommt, dass er nicht allein ist mit diesem Wolf, dass er ihm nicht ausgeliefert ist.
„Wolf“ heißt der Jugendroman von Saša Stanišić, dessen Bühnenfassung von Claudia Waldherr, die auch Regie führt, nun im Theater der Jugend zu sehen ist.
Mino Dreier und Jonas Graber als Kemi und Jörg agieren munter und weitgehend überzeugend in diesem Jugenddrama, ebenso wie Valentin Späth, Sascia Ronzoni und Frank Engelhardt in mehreren Rollen. Der Wolf wird von einer beeindruckenden, lebensgroßen Puppe von Soffi Povo, die auch die Puppen für das Schuberttheater baut, dargestellt. (...)
Wer es sich herausnimmt, „anders“ zu sein, ob freiwillig oder nicht, wird bestraft. Ein Typ wie Jörg ist eine leichte Beute für einen bekannten Drangsalierter wie Marco, vor dem alle, auch die Erwachsenen, kapitulieren. Und die bittere Wahrheit ist, dass Kemi, selbst ein Außenseiter, ja eigentlich ganz froh ist, dass mit Jörg ein anderes Mobbing-Opfer gefunden wurde. Es wird ihm nichts anderes übrigbleiben, als sich seinen Dämonen, seinem „Wolf“ zu stellen und selbst mutig zu sein. Die Frage, ob er das schafft, ist ein zeitloses Thema.
Barbara Beer
Materialien
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