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Spielplan 2025/2026

Er ist wieder da 13 +

Roman von Timur Vermes
in einer Bühnenfassung von Thomas Birkmeir

Stückinfo

Ort: Renaissancetheater, Neubaugasse 36, 1070 Wien
Zeitraum: 08. April 2026 - 29. April 2026
Premiere: 11. April 2026
Dauer: 02:20 inkl. Pause
Regie: Thomas Birkmeir

»Was man ernst meint, sagt man am besten im Spaß.«

Ernst Busch

Man stelle sich vor: Es ist Sommer, irgendwo in Europa, und plötzlich ist er wieder da! Auf einer Grünfläche mitten in Berlin erwacht er: Adolf Hitler – ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva, dafür in einer Welt voller Smartphones und Latte Macchiatos und ganz viel Social Media.
Timur Vermes’ Bestseller »Er ist wieder da« katapultiert den Diktator in die Gegenwart und lässt ihn mit staunenden Augen auf unsere Gesellschaft blicken.
In einer Welt, in der alles möglich scheint, trifft der einstige Diktator auf eine Gesellschaft, die ihn nicht erkennt – oder nicht erkennen will. Die Medienlandschaft ist gierig nach Quoten, Likes und Skandalen. Hitler wird für einen genialen Parodisten gehalten, landet in einer TV-Show und avanciert zum Internet-Star. Die Grenzen zwischen Satire und Realität verschwimmen, das Publikum lacht – doch das Lachen bleibt im Halse stecken. Denn während die einen klatschen, beginnt der Demagoge von gestern, erneut Einfluss zu gewinnen.
»Er ist wieder da« ist mehr als eine Komödie: Es ist eine scharfe Analyse unserer Gegenwart, eine Satire über die Macht der Medien und die Verführbarkeit der Massen. Der Stoff balanciert gekonnt zwischen Witz und Abgrund, zwischen scharfem Humor und bitterem Ernst. Was passiert, wenn Geschichte sich wiederholt – nicht als Tragödie, sondern als Farce?
Erleben Sie einen Abend, der provoziert, zum Nachdenken anregt und die Frage stellt: Wie wehrhaft ist unsere Demokratie wirklich? Sind wir immun gegen alte Parolen im neuen Gewand? Oder ist die Versuchung der schnellen Unterhaltung, des medialen Hypes, größer als unser historisches Bewusstsein?
Timur Vermes’ »Er ist wieder da« – ein literarisches Kabinettstück, das auf der Bühne zu einem Spiegel unserer Zeit wird. Und was, wenn es plötzlich nicht mehr lustig ist?


Aufführungsrechte: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main
© des Romans: Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG, Köln

Besetzung

ER Stefano Bernardin
Krömeier / Fußballkind / Sohn der Reinigungsfachfrau / Schülerin Victoria Hauer
Carmen Bellini / Ute Kassler / Kinderwagenfrau / Pensionistin Simone Kabst
Joachim Sensenbrink / Fußballkind / Skinhead Martin Bermoser
Reinigungsfachfrau / Fußballkind / Gisèlle / Uroma Krömeier Barbara Spitz
Kioskbesitzer / Ali Wizgür / Dr. Radulescu Clemens Matzka
Frank Sawatzki / Kioskkunde / Skinhead Thomas Höfner
In weiteren Rollen Patrick Amtmann / Thomas Drabinski / Constanze Drach / Amir Eid / Christina Schneider / Emili Staudinger
Regie Thomas Birkmeir
Bühnenbild und Video Sam Madwar
Kostümbild Irmgard Kersting
Licht Lukas Kaltenbäck
Dramaturgie Gerald Maria Bauer
Assistenz und Inspizienz Eva Maria Gsöllpointner / Lukas Spring
Hospitanz Maximilian Hofstätter

Kritiken

Der Standard – 14.04.2026

Die Rückkehr des Adolf Hitler: "Er ist wieder da" im Theater der Jugend

Hauptdarsteller Stefano Bernardin überzeugt in der Bühnenfassung des gleichnamigen Romans als wiedererwachter Hitler, der im heutigen Berlin zum Medienstar wird

Über die Rückkehr des Faschismus und die Gestalt, in der sich dieser dann zeigen werde, diskutiert man in Deutschland viel. Dass man ihn nicht einmal erkennen würde, wenn er in Person Adolf Hitlers höchstpersönlich vor einem stünde, war eine der Thesen von Timur Vermes’ 2012 erschienenem und 2015 erfolgreich verfilmtem Roman Er ist wieder da: Darin erwacht Hitler im Berlin der Gegenwart, wird als Satiriker missverstanden und avanciert zum gefeierten Medienphänomen.

In Thomas Birkmeirs Bühnenfassung im Wiener Renaissancetheater schlüpft Stefano Bernardin leider ziemlich überzeugend in die nach mehr als 80 Jahren doch etwas muffig gewordene Führeruniform. Dass die Reinigung, in die er sie bringt, den fremd klingenden Namen Yilmaz trägt, irritiert ihn. An jeder Straßenecke: Starbucks, McDonald's und Großraumbüros. Was ist nur aus dem Land geworden?

Satirische Qualitäten

Von einer Fernsehproduktionsfirma rund um die skrupellos spielenden Martin Bermoser, Simone Kabst und Clemens Matzka zum Satiriker stilisiert, bekommt Hitler seine eigene Late-Night-Show. Dazu passend arbeitet die Inszenierung mit einem aufwendigen Bühnenbild und verschiedenen Bildschirmen, die wahlweise zum Fernsehstudio, Auto oder Kiosk – an dem Der Stürmer von Hitler schmerzlich vermisst wird – umfunktioniert werden.

Trotz ambitionierter Besetzung und einzelner Pointen, die zünden, bleiben die Lacher oft in den Kehlen des Publikums stecken. Vielleicht sind die Auswirkungen der dargestellten, auch um den orangen Bewohner des Weißen Hauses bestens bekannten Aufmerksamkeitsökonomie inzwischen zu real?

Donald Trump ist zwar nicht Adolf Hitler, sondern Donald Trump, doch sein Aufstieg steht exemplarisch für das Wiedererstarken des Autoritären. Er ist wieder da hat ein Problem, das inzwischen wohl auch für die Buchvorlage gilt: Die Realität hat dem Stoff längst seine satirischen Qualitäten entzogen.

Jakob Thaller


Salzburger Nachrichten / APA – 12.04.2026

Web Share "Geil Hitler!": "Er ist wieder da" im Theater der Jugend

Applaus für eine Hitler-Rede? Stefano Bernardin schafft dieses Kunststück am Samstagabend im Wiener Renaissancetheater gleich mehrfach. In Thomas Birkmeirs Bühnenfassung von Timur Vermes' 2012 erschienenem Erfolgsroman "Er ist wieder da", spielt er diesen "Er" so überzeugend, dass man immer wieder verblüfft wird, wie sehr die alte Masche auch in der neuen Zeit funktioniert: "Wir gegen die" lautet die Parole, mit der man Gehör finden und an die Macht kommen will.

Dieser "Er" nennt sich Adolf Hitler, was ihm Klickzahlen und Quote bringt und ihm Narrenfreiheit sichert - schließlich geht alle Welt davon aus, dass es sich bei ihm um einen raffinierten Comedian handelt. Satire und Kunst sind schließlich frei. Der Witz ist: Es ist der Führer selbst, der im Berlin der Gegenwart erwacht, erstaunt feststellt, dass der Krieg vorbei und er heil geblieben ist, und der sich als unglaublich lernfähig erweist.

Der Führer im "Internetz"

Die Chancen von Fernsehen und "Internetz" erkennt er auch ohne Propagandaminister Goebbels - und er versteht sie, raffiniert zu nutzen, indem er sich nicht verstellt und die Menschen dort "abholt", wo sie schon in den 30er-Jahren zu holen waren: bei der Unzufriedenheit mit ihrer Lebenssituation und dem Hass auf jene, die angeblich dafür verantwortlich sind. In den bittersten Momenten der Aufführung gelingt es ihm, die Alleinverantwortung für das ihm Vorgeworfene abzulehnen: Er sei demokratisch gewählt worden und sein Programm für alle von Anfang an nachzulesen gewesen.

Auch Stefano Bernardin ist "wieder da", nämlich am Theater der Jugend, wo er vor über 20 Jahren mit einem Nachwuchs-Nestroy in einer Birkmeir-Inszenierung ausgezeichnet wurde. Er hat sich eine Kunstfigur erarbeitet, die nur wenige Facetten der historischen Vorlage aufweist und jede Karikatur vermeidet. Sein Er ruht in sich, wirkt im Umgang mit Frauen und der Technik immer wieder unsicher, in der Erinnerung sentimental ("Eva, wo mag sie sein?") und im Großen und Ganzen nicht unsympathisch. Dass er keinerlei Reue zeigt und rhetorisch ganz auf der Höhe ist, macht ihn gefährlich. Die Reden, mit denen er sich in als neuer Comedy-Star an die "deutschen Volksgenossinnen und Volksgenossen" wendet, sind gespenstisch.

Ohne Führerschein im Mercedes-Cabriolet

Thomas Birkmeir, seit 2002 künstlerischer Direktor des Theaters der Jugend, verabschiedet sich mit dieser Inszenierung und zeigt noch einmal erfolgreich, wie er Theater verstanden hat: als moralische Anstalt, als Vermittler zwischen den Lehren der Geschichte und heutigen Problemen, als Warnung vor Entwicklungen, die man aufhalten sollte, ehe es zu spät ist. Sam Madwar hat ihm dafür ein modernes, überaus funktionales Bühnenbild aus vielen einzelnen, verschiebbaren digitalen Paneelen zur Verfügung gestellt, die rasch die unterschiedlichsten Schauplätze definieren und auch eine Autofahrt - der Führer hat keinen Führerschein, aber einen Chauffeur - im Mercedes-Cabriolet simulieren können.

Rund um Bernardin ist ein engagiertes Ensemble voll bei der Sache. Victoria Hauer und Thomas Höfner werden als erste Gefolgsleute angeworben und zeigen sich bald begeistert ("Geil Hitler!"), Martin Bermoser, Simone Kabst und Clemens Matzka sind als Vertreter einer gewissenlosen Spaß- und Mediengesellschaft recht nahe am Klischee angesiedelt, Barbara Spitz vertritt die einzige Gegenposition, die früheren und künftigen Opfer.

Die Aufführung endet mit einer bösen Pointe: Hitler wird von Rechtsradikalen, die nicht zulassen wollen, dass man sich über den Führer lustig macht, zusammengeschlagen - und in der Folge zum Helden aller antifaschistischen Parteien. Am Krankenbett formiert sich die Gefolgschaft. Für die Zeit bis zur Rückkehr auf die Bühne hat man bereits einen Plan. Der Führer, schließlich Autor eines Millionen-Bestsellers, soll ein Buch schreiben. Arbeitstitel: "Es war nicht alles schlecht." - Großer Jubel für eine beklemmenden Abend.

Wolfgang Huber-Lang


Online Merker – 12.04.2026

Verführung ist die wahre Gewalt

Deutschland heute und Adolf Hitler – das bleibt eine zwiespältige Beziehung. Auf der einen Seite Abscheu und Scham für das Geschehene, wofür man diesen Mann als verbrecherische Galionsfigur verantwortlich macht, andererseits ein heimliches Prickeln rund um ein unleugbares Faszinosum. Es bleibt eine Tatsache, dass ein „Spiegel“ oder eine andere Zeitschrift ihre Auflage spürbar erhöhen, wenn sie Hitler auf das Titelbild setzen. Obwohl seine Geschichte in Hekatomben von Büchern und Artikeln längst auserzählt ist. Und doch…

Darum konnte auch ein Roman wie „Er ist wieder da“ des Journalisten Timur Vermes zuerst zwischen Buchdeckeln, dann auch auf der Filmleinwand ein derartiger Millionenerfolg werden. Denn er stellte die keinesfalls unberechtigte Frage, was wäre wenn… wenn Hitler plötzlich als er selbst wieder da wäre. Man könnte ihn nur für einen Comedian halten, der eine Rolle spielt. Aber wie würden Menschen auf seine realen Aussagen von einst reagieren?

Das Buch ist mittlerweile vierzehn, der Film elf Jahre alt, aber dass das Thema keinesfalls an Brisanz verloren hat, beweist die Aufführung des Theaters der Jugend im Renaissancetheater. Thomas Birkmeir hat als Bearbeiter die Zeit übersprungen und ist absolut im Heute von 2026  gelandet, mit jenen Floskeln und Argumenten, die wir derzeit  in der Politik täglich hören. Aber es geht darum, dass Hitler wieder da wäre… und was nun?

Geht natürlich nicht, aber Literatur, Film und Theater dürfen bekanntlich alles, also auch die Realität außer Kraft setzen. Der Autor Timur Vermes meinte den echten Hitler bis in die Fingerspitzen und keinen Betrüger, sondern den Mann, der – wir müssen es nicht verstehen – die Jahrzehnte seit seinem Selbstmord (an den er sich nicht erinnert) irgendwo war und plötzlich wieder in Berlin erwacht, wo er im Zeitungskiosk keinen „Völkischen Beobachter“ findet, und wo die Reichskanzlei ist, kann ihm auch keiner sagen…

Vermes / Birkmeir gestehen dem „echten“ Hitler die Intelligenz zu, sich in der neuen Welt zu orientieren und trotzdem er selbst zu bleiben. Wenn er sich nur als „Hitler“ fürs Fernsehen in Kabarett-Shows verkaufen kann, tut er es eben. Und spricht, zum entsetzten Entzücken aller (wie echt er doch ist!), seine alten Texte. Und könnte gerade heute, wo die zwanziger Jahre noch schlimmer sind als die zwanziger Jahre im vorigen Jahrhundert, sogar Anhänger finden…

Das ist der wahre Balanceakt des Stücks: Dass man diesem Hitler zuhört und sich immer wieder dabei ertappt, dass er mit diesem oder jenem recht haben könnte. Einem Hitler, der die Realität von einst (den Holocaust) mit kühlen Überlegungen erklärt. Einem Hitler, den das Stück am Ende nicht triumphieren, aber auch nicht untergehen lässt. Sondern als Drohung – noch liegt er, nach einem Überfall durch Rechtsradikale (!), die ihn für einen Juden hielten, im Krankenbett. Aber was, wenn er wieder aufsteht?

Thomas Birkmeir macht nicht eine Sekunde lang den Fehler, diesen Hitler nicht ernst zu nehmen und ihn als Witzfigur auszustellen. Viel mehr gesteht er ihm fast einen Hauch verführerischer Überzeugungskraft zu. Nur so kann man verstehen, was einst geschehen ist – und auf dem Schultern von Stefano Bernardin ruht dieser Hitler optimal, der als Ich-Erzähler seines eigenen Schicksals mit einer Monsteraufgabe bedacht ist. Er und der Regisseur haben ganz genau auf Hitlers Diktion gehört, überzeichnen sie aber nie, machen sie nicht lächerlich, der Klang wirkt vollkommen charakteristisch. Und auch die „bescheidene“ Attitüde, die der „Führer“ nach außen hin pflegte, sorgt dafür, dass man kein Monster vor sich hat, vor dem man sich mit Abscheu abwenden würde. Sondern einen Mann, dem man mit Interesse zusieht und zuhört. Wie heißt es doch in Lessings „Emilia Galotti“? „Verführung ist die wahre Gewalt.“

Dafür lässt Birkmeir rund um „Hitler“ einen wahren Medien-Veitstanz aufführen, der uns gar nicht so fremd vorkommt, sieht man in die heutige Medienlandschaft der Manipulation, des Trickens, der Hörigkeit von Clicks, Likes und Werbeeinnahmen. Wenn Hubsi Kramar seine Hitler-Satiren letztendlich nicht auf kleinem Feuer gekocht, sondern ausgereizt hätte, könnte man sich den Medienwirbel (samt hoch gestochener Leitartikel-„Interpretationen“, „Experten“-Meinungen, Diskussionsrunden) mühelos vorstellen…

Birkmeier hat nur drei Damen und drei Herren, die er mit den zahlreichen Rollen des Stücks betraut und durch das geschickte Bühnenbild von Sam Madwar schickt, der Hitler auch in die Welt heutiger Videobilder-Flut versetzt. Da ist Simone Kabst u.a. eine berechnende Fernsehchefin, Victoria Hauer u.a. eine Hitler-Sekretärin, die sein Nie-aus-der-Rolle-Fallen mit „Method Acting“ erklärt (so wie De Niro und Pacino!), Barbara Spitz die kritische Stimme der Vernunft. Und Martin Bermoser, Clemens Matzka und  Thomas Höfner wandeln verschiedene Stadien männlicher Hysterie ab.

Es folgt noch eine Premiere, dann ist die Ära Thomas Birkmeir am Theater der Jugend in Wien, das er 2002/2003 übernommen hat, nach einer Marathon-Direktionszeit zu Ende  (immerhin vier Jahre mehr als Föttinger an der Josefstadt, und der ist schon ein Langzeit-Direktor). Sein Spielplan war gut für das Haus und die Schauspieler und ebenso gut für das jugendliche Publikum vieler Altersstufen, das er intellektuell auch immer heraus gefordert hat. Als Bearbeiter war er (fast) immer stilsicher und erfolgreich. Als Regisseur ein Mann mit sicherer Hand für ein Theater (fast) ohne Faxen. Er wird fehlen. Zum Abschluß hinterlässt er Wien den interessantesten Theaterabend, den die Stadt derzeit zu bieten hat.

Renate Wagner


#KulturAspekte – 13.04.2026

Er ist wieder da, Renaissancetheater, Wien

Ein weißes Buchcover, auf den ersten Blick, mit einem halben schwarzen Kreis, der zum Teil mit schwarzer Farbe ausgefüllt ist und der zweizeilige Titel in der unteren Mitte – ein Blick allein genügt, um zu sagen, welche Person aus der Vergangenheit hier stilisiert wird. Der Halbkreis ist natürlich kein richtiger und deutet auf seine Frisur hin, ein Seitenscheitel mit streng gegeltem Haar und der Titel ist der unverkennbare Zweifingerbart, der zum Markenzeichen diese Person wurde. Es handelt sich um niemand Geringeren als Adolf Hitler. Basierend auf dem Roman „Er ist wieder da“ von Timur Vermes zeigt das Theater der Jugend aktuell im Wiener Renaissancetheater die Bühnenfassung. Bearbeitet wurde diese von Thomas Birkmeir, der gleichzeitig auch Regie führte. Am 11.4.2026 feierte das Stück im ausverkauften Theater seine Premiere. In zwei Stunden wurde das 394 Seiten starke Buch sehr gut zusammengefasst und die wichtigsten Ereignisse in gutem Erzähltempo dem Publikum präsentiert.

Birkmeir’s Fassung hält sich stark an das Buch, es gab ein paar Modernisierungen betreffend Namen oder Hinweise auf aktuelle Gegebenheiten, auch ein kleiner Bezug zu Österreich wurde immer wieder eingebaut, der im Buch fehlt, wie auch ein wehmütiges Ausschauhalten nach der geliebten Eva. Lediglich ein Bauernopfer wurde eingebaut und eine Liebesgeschichte weggelassen, was aber eigentlich auch Sinn machte und vor allem im zweiten Teil dem Publikum noch einmal vor Augen führte, dass er wirklich wieder da ist. Das Bühnenbild, das hauptsächlich von einigen, zum Teil auch verschiebbaren, kleineren LED-Wänden geprägt war, stammte von Sam Madwar. Vom Hotelzimmer, der Reinigung, dem Fernsehstudio bis zum Spital konnten so gut alle Spielorte dargestellt werden. Auch Headlines, Zeitungsartikel und kompromittierende Fotos wurden auf diese Art und Weise eingespielt. Lediglich der Kiosk fuhr, wenn er benötigt wurde, in die Höhe.

Es gab natürlich noch einige weitere Accessoires, aber viel mehr wurde das Augenmerk auf die Hauptperson des Stücks gelegt – Adolf Hitler. Irmgard Kersting hatte beim Kostümbild ganze Arbeit geleistet und vor allem Stefano Bernardin in jemanden verwandelt, den man eigentlich nicht unbedingt ähnlichsehen möchte. Auch das Outfit, von der Militärmütze bis zum Mantel mit Adler war Teil des Verwandlungsergebnisses. Lukas Kaltenbäck sorgte dafür, dass alle (insbesondere der Führer) ins rechte Licht gerückt wurden. Sechs Herrschaften des Ensembles spielten gleich mehrere Rollen und verwandelten sich jedes Mal gekonnt in die verschiedenen Charaktere. Diese erforderten nicht nur immer einen neuen Look, sondern auch ein komplett anderes Spielverhalten. Einzig „Er“, wie es so schön im kleinen Programmfolder heißt, wurde von einer Person gespielt, die sich nur ihm widmete.

Die Handlung ist eigentlich sehr an den Haaren herbeigezogen, im Berlin der Jetztzeit erwacht Adolf Hitler in einem Park plötzlich zum Leben. Er wird von einem Kioskbesitzer „gefunden“ und für einen Comedian gehalten, der so in seiner Rolle drinnen ist, dass alle denken, er würde „method acting“ machen. Schnell wird das Fernsehen auf ihn aufmerksam, er wird in einer Sendung der breiten Masse präsentiert und binnen kurzer Zeit hat er sehr viele Fans, Follower, likes und klicks ….Und auch wenn es seltsam sein muss, sich plötzlich 2026 statt 1945 zurechtzufinden, gelingt dies Hitler unglaublich schnell. Er wird auch rasch ein Fan vom Internetz, wie er das Medium nennt. Es entsteht ein blinder Herdentrieb, alle folgen dem Führer oder finden ihn gut, ohne irgendetwas zu hinterfragen. Hitler wird zum Hit, bis sich ein bestimmtes Zeitungsblatt auf ihn einschießt und versucht Negatives zu finden. Aber dank seiner Anhänger werden alle Probleme beseitigt. Auch setzt er das Schicksal seiner Sekretärin auf’s Spiel, nur um das des deutschen Volkes zu erfüllen. Zumindest wenn es nach seinen Plänen geht. Das Ende ist ein unglaublicher Widerspruch in sich. Hitler wird von Neonazis spitalsreif geschlagen und da ihn ja alle nicht für den Echten halten, erfährt er eine unglaubliche Welle an Sympathie und man hat schon das Gefühl, dass er quasi als Märtyrer aus dem Spital entlassen wird – vor allem, wenn man sich die Inszenierung des Endes im Theater ansieht.

Heutzutage läuft schon viel mit KI und verstorbene Persönlichkeiten werden so auf social media (meist sogar noch mit Engelsflügeln) zum Leben erweckt. Im Fall von „Er ist wieder da“ wird keine KI benötigt, alles was man braucht hat Stefano Bernardin, der die Reinkarnation von Adolf Hitler in einer unglaublich starken Performance zeigte. Ein großes Kompliment an den Schauspieler, der die Texte (und das waren jede Menge und nicht unbedingt einfache) nicht nur aufsagte, sondern sie regelrecht verinnerlicht zu haben schien und mit Mimik und Gestik wirklich wie die Wiedergeburt des Führers aussah. Ihn auch in Hakenkreuzpose liegend vorzufinden oder ihn in dieser Pose in Ohnmacht fallen zu lassen war ein genialer Regiestreich. Auch in den geborgten Kleidungsstücken, während seine in der Reinigung waren, mit einer viel zu großen Hose, hatte er noch immer eine Aura, die seine Persönlichkeit umgab. Unglaublich und sehr intensiv war Bernardin’s Blick, große rollende Augen, wahrlich kein Dackelblick, auch wenn er diese Rasse zu mögen schien. Sehr mutig war der Entschluss den eigenen Bart wachsen zu lassen und ihn während der Spielzeit so bestehen zu lassen. Hut ab vor so viel Leidenschaft für das Theater.

Victoria Hauer gab Frl. Vera Krömeier, die vom Fernsehsender zur Verfügung gestellte Sekretärin Hitlers. Im schwarzen Gruftilook sah sie so aus, wie im Buch beschrieben und zeigte gekonnt eine Wandlung von einer begeisterten Mitläuferin und Befürworterin des „Comedians Hitler“ bis zur jungen Frau, die plötzlich alles in Frage stellt. Ausschlaggebend war die Geschichte der Uroma, deren Familie jüdisch ist und das Schicksal fast aller Juden in der damaligen Zeit ereilt hat. Sicher die packendste Szene, als sich Hitler gegen seine Sekretärin entschied, obwohl sie anfangs doch harmonisch und wie ein eingespieltes Team wirkten.

Clemens Matzka war der Kioskbesitzer, der Hitler entdeckte und ihm Asyl gewährte und auch Ali Wizgür, der Showmaster. Als TV Moderator mit Schwammerlfrisur war sein Wutanfall inklusive sehr ausfallendem Geschimpfe in Bezug auf Hitler legendär und wahrlich nicht von schlechten Eltern. Simone Kabst gab die Chefin des TV Senders, Carmen Bellini, und bei ihrem ersten Auftritt erinnerte sie an eine spannende Mischung aus Christiane Hörbiger (der Look) und Sharon Stone (die „Basic Instinct“ Beine ließen grüßen). Man konnte regelrecht sehen, wie sie sich von Hitler angezogen fühlte und wie faszinierend er auf sie wirkte. Ihre Geldgier konnte man spüren und wie sehr sie von Hitler und seinen Qualitäten als neuer Star und Geldbringer überzeugt war.
Martin Bermoser schlüpfte u.a. in die Rolle des Joachim Sensenbrink, ebenfalls vom TV Sender, der auch sofort pro Hitler war und dem zu jeder Zeit die EUR Zeichen in die Augen geschrieben standen. Er war die Euphorie in Person und wäre am liebsten Hitlers Manager geworden. Thomas Höfner’s dargestellter Frank Sawatzki wurde etwas anders als im Buch gespielt, machte aber auf der Bühne definitiv eine große Wandlung mit. Anfangs wirkte er etwas dümmlich und keiner nahm ihn für bare Münze. Das änderte sich, als ihn Hitler wahrnahm und sich Sawatzki endlich wertvoll fühlte und auch begann selbständig Projekte in Hitlers Sinn zu realisieren. Barbara Spitz gab u.a. die Reinigungsfachfrau, in der Blitzreinigung Yilmaz und sorgte hier für viele Lacher. Anders in der Rolle der Uroma von Frl. Krömeier. Hier gab es den wohl berührendsten Moment als sie vom Schicksal der Familie und Juden erzählte.

Das Stück ist unglaublich intensiv und hält der Gesellschaft einen Spiegel vor und zeigt, wie offen sie für etwas Neues ist oder war es vielleicht doch etwas Altes? Das Schlimme ist nämlich, dass sie ihm zujubeln, nicht weil sie glauben, es ist witzig oder ironisch, sondern weil sie glauben, er hat Recht. Denn wie lauten die letzten Worte im Stück „Es war nicht immer alles schlecht“. Auf jeden Fall ein Stück, über das sich im Nachhinein gut nachdenken und diskutieren lässt.

Andrea Martin


kijuku.at Kinder Jugend Kultur und Mehr... – 27.04.2026

Alter Ver-Führer zu neuer Tragödie?

Timur Vermes‘ Erfolgsroman „Er ist wieder da“ in einer erschreckend mitreißenden Bühnenversion im Theater der Jugend in Wien.

Das typische schmale Oberlippen-Bärtchen – obwohl Charlie Chaplin ein ähnliches hatte -, Gesten, Körperbewegungen, Sprache – und erst recht die Inhalte: Stefano Bernardin erweckt derzeit noch bis Ende April im großen Haus des Theaters der Jugend erschreckend jenen Mann zum Leben, der federführend die Welt in den Abgrund des zweiten Weltkriegs führte. In „Er ist wieder da“, sehr wortgetreu, mit aktualisierten Ergänzungen vom Autor Timur Vermes selbst, nach dessen 2012 erschienen gleichnamigen Erfolgsroman, schlüpft der Schauspieler in die Rolle des Jahrzehnte nach 1945 wieder erwachten Adolf Hitlers (Bühnenfassung und Regie: Thomas Birkmeir), übrigens: Das große Haus des Wiener Theaters der Jugend heißt Renaissancetheater und dieses französische Wort steht für Wiedergeburt.

Ver-Führer

In altem Gewande und Gehabe, aber nie als Parodie wie etwa in Chaplins „Der große Diktator“, sondern „nur“ als die neuen (digitalen) Medien schnell lernender Verführer agiert „Er“. Die anderen im Roman und erst recht im Stück in der multimedial genial installierten Bühne mit einem halben Dutzend blitzschnell mit wechselnden Hintergrundbildern zu versehenden LED-Schirmen (Bühnenbild und Video: Sam Madwar) agierenden Personen zeigen sich fast allesamt in irgendeiner Form fasziniert.

Quotenhit

Die einen sehen in ihm einen hervorragenden Satiriker, einen Quotenbringer: Senderverantwortliche Carmen Bellini (Simone Kabst) und Manager Joachim Sensenbrink (Martin Bermoser) sowie dessen Adlatus Frank Sawatzki (Thomas Höfner). Letzterer kippt bald ins Anhimmeln des „Führers“ sowie vor allem die neue Sekretärin „Fräulein Krömeier“ (Victoria Hauer). Als „Er“ gegen Ende von rechtsextremen Skinheads überfallen und verprügelt wird, weil er ihrer Meinung nach den echten Ober-Nazi lächerlich gemacht hätte, stilisieren ihn Anrufer:innen gar zum antifaschistischen Demaskierer von Nazis und wollen ihn jeweils für ihre unterschiedlichen Parteien gewinnen.

Falscher Applaus

Eines kann „Er“ ganz gewiss: Massen in Bann ziehen mit seinen Reden „gegen die da oben“ und dem Ansprechen der „Sorgen der kleinen Leute hier unten“. Sein neuer Slogan „Wir gegen Die“ verfängt. Mehr als gut. Baut er doch auf einem seit einigen Jahren leider gut gebauten Fundament auf.
Verfängt leider so gut, dass bei der Premiere – überwiegend erwachsenes Publikum – mindestens die Hälfte des Saals bei einem langen Monolog vor der Pause heftigst applaudierte. Was anderen, unter anderem den Rezensenten, mehr erschütterte als die Rede selbst. Die einzige Beruhigung: Aus Gesprächen mit Beteiligten war zu erfahren, bei Voraufführungen mit überwiegend jugendlichem Publikum wurde an dieser Stelle nicht geklatscht.

Mit Ausnahme Bernardins schlüpfen alle anderen in mehrere bis viele Figuren, kleinere Rollen werden dieses Mal sogar von Techniker:innen übernommen: Patrick Amtmann, Thomas Drabinski, Constanze Drach, Amir Eid, Christina Schneider, Emili Staudinger.
Noch nicht erwähnt wurden Clemens Matzka, der vor allem den TV-Parade-Migranten-Talker Ali Wizgür gibt, der von „Adi“ quotenmäßig an die Wand gespielt wird. Und Barbara Spitz, die unter anderem die „kleine“, aber zentrale Rolle der Uroma Krömeier spielt. Ein Foto der von den Nazis in Vernichtungslagern ermordeten Verwandten bringt die Urenkelin, die aus einem Versprecher den Sager von „Geil, Hitler“ gebiert, zum ansatzweisen Umdenken. Sie könne nicht mehr für ihn arbeiten, das könne sie der alten Frau nicht antun, er könne doch wenigstens sagen, dass es ihm leidtue. Was er – natürlich – nicht macht.

Tragödie oder Farce

Vermes‘ Roman und die Bühnenfassung rufen ein Zitat von Karl Marx in Erinnerung: „Hegel bemerkt irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ (Aus „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, 1852). Damit wollte Marx die Französischen Revolutionen charakterisieren:
1789 den blutigen Sturz der Monarchie und Gründung der Republik sowie mehr als ein halbes Jahrhundert später (1848/49) die Machtergreifung Louis Napoleons (des Neffen Napoleons I.), die zum Putsch mit anschließender Diktatur wurde.

Doch die Farce droht zur neuen Tragödie zu werden. Rechts(extrem)e Parteien und Bewegungen, die sich gekonnt neuer Medien bedienen, versammeln in vielen Ländern wieder Massen hinter sich. Und schaffen es – siehe Passage über den Applaus – nicht selten sogar kritische Geister für sich einzunehmen.
Mit seiner letzten Regie-Arbeit, mit der Thomas Birkmeir sein fast ¼ Jahrhundert (2002 – 2026) währende Direktionszeit im Theater der Jugend beendet, knüpft er in dieser Saison an den Beginn im Herbst mit „Der überaus starke Willibald“ (von Willi Fährmann; Bühnenfassung: Sebastian von Lagiewski) an, das KiJuKU als „Farm der Mäuse“ in Anlehnung an Geroge Orwells „Animal Farm“ betitelte – eine Saison für Zivilcourage gegen autoritäre Herrschaft.

Alter Ver-Führer zu neuer Tragödie? | KiJuKu - Kinder Jugend Kultur Und mehr

Heinz Wagner - kijuku_heinz


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