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Spielplan 2022/2023

Ein Kind 13 +

von Thomas Bernhard
für die Bühne eingerichtet von Gerald Maria Bauer

Stückinfo

Ort: Theater im Zentrum, 1010 Wien, Liliengasse 3
Zeitraum: 13. Januar 2023 - 22. März 2023
Premiere: 13. Januar 2023
Dauer: 02:20
Regie: Gerald Maria Bauer

»Der Samstag ist fürchterlich, der Sonntag ist furchtbar, der Montag bringt die Erleichterung.«

Thomas Bernhard. »Der Keller. Eine Entziehung«

Es wird von vielen als sein zärtlichstes Buch empfunden: In »Ein Kind« lässt Thomas Bernhard, der große Sprachvirtuose, Autobiographie und Fiktion kunstvoll ineinander fließen. Ausgehend von einem zum Scheitern verurteilten Fluchtversuch des Achtjährigen mit einem Steyr Waffenrad aus seinem Elternhaus, entspinnt sich ein subjektives Panorama über Erwachsenwerden am Land, ganz so, als wollte der Autor das Kind von damals mit den Mitteln der Literatur nachwirkend beschützen. Die zentrale Rolle nimmt dabei die Beziehung zu seinem »wie nichts auf der Welt geliebten« Großvater, des weitgehend erfolglosen Schriftstellers Johannes Freumbichler ein, in dessen Nachfolge sich Bernhard später selbst empfinden sollte. Das Kind ist dabei der »Talentierteste, gleichzeitig der Unfähigste, was die Schule betrifft.« Selbstglorifizierung und der Mut zum Scheitern sind die Amplituden, zwischen welchen Bernhard das Spektrum (s)einer Kindheit in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts beschreibt.
»Der Keller«, von Bernhard im Untertitel als »Eine Entziehung« bezeichnet, ist die tragikomische Erzählung seines Schulabbruchs und des Antritts einer Lehrstelle des 16-Jährigen in der Lebensmittelhandlung des durch und durch musischen Karl Podlaha in der Salzburger Scherzhauserfeldsiedlung, bereits damals ein sozialer Brennpunkt, den Bernhard philosophisch zur Groteske und gleichsam zum Satyrstück innerhalb seiner autobiographischen Schriften erhöht. Variantenreich beschreibt er die Sinnsuche »in die entgegengesetzte Richtung« und offenbart ein Bild, in dem die Welt auf den »Guckkasten des eigenen Kopfes« zusammengeschrumpft ist.

Der Text »EIN KIND« ist in dieser Gesamtheit als Dramatisierung zum ersten Mal im Theater der Jugend zu sehen.


Aufführungsrechte: Thomas Sessler Verlag GmbH, Wien
Residenz Verlag GmbH, Salzburg

Besetzung

Ein Kind Jasper Engelhardt
Ich (erwachsen) Valentin Späth
Die Mutter / Beamtin vom Arbeitsamt / NS-Erzieherin / Ritzinger Hildas Mutter / Frau Dr. Popp Violetta Zupančič
Der Großvater / Der Dechant David Fuchs
Georg genannt Schorschi / Hippinger Hansi / Ritzinger Hilda / Podlaha / EIn Bauarbeiter / Gauleiter Giesler Stefan Rosenthal
In weiteren Rollen Ensemble
Regie Gerald Maria Bauer
Dramaturgie Sebastian von Lagiewski
Ausstattung Friedrich Eggert
Assistenz und Inspizienz Simone Tomas
Assistenz Ana-Maria Kunz
Hospitanz Fabian Tastel

Kritiken

Kurier – 18.01.2023

Aufruf zum Ungehorsam – und eine Tröstung für alle, die scheitern

Uraufführung des Theaters der Jugend: Gerald Maria Bauer dramatisierte Thomas Bernhards Autobiografie „Ein Kind“

Die fünfteilige Autobiografie von Thomas Bernhard, zwischen 1975 und 1982 erschienen, eignet sich nur bedingt für die Dramatisierung. Denn direkte Rede ist rar. Bernhard erzählt aber, dank der Übersteigerungen, äußerst fesselnd. Das Theater der Jugend hat sich daher doch an eine Umsetzung gewagt – als Aufruf zum Ungehorsam, als Bestärkung, wenn man als junger Mensch in die entgegengesetzte Richtung gehen, sich Konventionen widersetzen möchte – und als Tröstung für alle, die immer wieder scheitern.

Chefdramaturg Gerald Maria Bauer wählte für seine Inszenierung „Ein Kind“, den von der Entstehung her letzten, in der Chronologie der Ereignisse ersten Teil. Und Friedrich Eggert hat für das Theater im Zentrum ein raffiniertes Bühnenbild gezimmert, ein Bernhard-Archiv mit Objekten, die der Schriftsteller besessen haben könnte, darunter Radioapparate. Andererseits muss man sogleich an „Der Keller“ denken. Denn von oben führt eine Treppe in diesen von Regalen dominierten Raum.

In der Tat: Bauer konzentriert sich auf amüsante Niederlagen aus „Ein Kind“, er behandelt die zweite Hälfte der Erzählung nur kursorisch, er negiert die Gymnasialzeit („Die Ursache“) und geht nach der Pause nahtlos zur Lehrzeit im Kolonialwarenladen des Karl Podlaha („Der Keller“) über. Gleich zu Beginn lässt Bauer das Testament von Bernhard schreddern, der bekanntlich jede Aufführung in Österreich verboten hatte. Und er hat sich viel unterhaltsames Beiwerk einfallen lassen, um den auf fünf Sprecher verteilten Text zu illustrieren. Als Figuren gestaltet sind bloß Bernhard als Kind (Jasper Engelhardt zitiert augenzwinkernd „Titanic“) und der Großvater: David Fuchs darf mit einem Solo glänzen. Ein gelungener Abend, auch für Erwachsene.

Thomas Trenkler


Der Standard – 20.01.2023

Traunstein aus der Schublade: "Ein Kind" im Theater der Jugend

Quirliger Thomas Bernhard: Gerald Maria Bauers Inszenierung verpflanzt den Dichter in ein lebendig werdendes Archiv

Das von Thomas Bernhard testamentarisch verfügte und seit Jahren gebrochene Aufführungsverbot kostet auch dem Theater der Jugend nur einen Lacher. Beziehungsweise viele Lacher. Im Intro zur Aufführung von Bernhards autobiografischem Erzählband Ein Kind im Theater im Zentrum in der Wiener Liliengasse finden vier in graugrüne Kittel gekleidete Archivare irgendwo auf ihren raumhohen Regalen und zwischen Kisten und vereinzelten Utensilien dann doch das betreffende Schriftstück, und sie japsen darüber ausgiebig, während sie sich schon mitten im Stück befinden.

Wie ein Setzkasten

Gerald Maria Bauer hat das 1982 erschienene Prosabändchen für die Bühne aufbereitet und auch den Band Der Keller integriert, der jene Zeit umfasst, in der Thomas Bernhard eine Lehre bei einem Lebensmittelhändler in Salzburg beginnt.

Die Aufführung ringt mit den Herausforderungen des klassischen Erzähltheaters, in dem es wenig "Fläche" zur Interaktion gibt, sondern zügig an der Rampe ins Publikum hinein deklamiert wird. Bauer, seit 2002 Chefdramaturg am Haus und hier als Regisseur im Einsatz, federt diese erratische Schlagseite mit einer vielversprechenden Idee ab, die zentral wird: Das Bühnenbild von Friedrich Eggert funktioniert wie ein Setzkasten für Komponenten der Inszenierung.

Aus den Archivmöbeln selbst also entspringt die Geschichte des zu Beginn achtjährigen Kindes, das Jasper Engelhardt etwas überschießend quirlig anlegt und das von Traunstein nach Salzburg flüchten möchte und kolossal scheitert. Dafür aber einen zünftigen Volkstanzabend mit Unbekannten in einer Gaststätte verbringt und hernach vom Großvater (David Fuchs), dem am meisten bewunderten Anverwandten, durchaus gnädiges Feedback erhält.

Kruzifix, Suppenschüssel

Unzähligen Laden und Kastentüren werden flugs die jeweils notwendigen Requisiten entnommen, Kruzifixe, Suppenschüsseln oder das Traunsteiner Tagblatt, manchmal befindet sich sogar ein zusammengekauerter Schauspieler hinter einem der Türchen. Da werden weder Verspieltheit noch Patina gescheut. Valentin Späth gibt den erwachsenen Bernhard, den zwei Frauenrollen (Mutter, Beamtin) verleiht Violetta Zupancic die entsprechende Herbheit. In wechselnden Rollen, vom computeraffinen Archivar bis zum Jugendfreund Hippinger Hansi, ist Stefan Rosenthal im Einsatz.

Margarete Affenzeller


Salzburger Nachrichten – 15.01.2023

Theater der Jugend bringt Bernhards Autobiografie auf die Bühne: Verstörende Geschichte eines Kindes

Thomas Bernhards "Ein Kind" im Theater der Jugend: vielschichtig und teils ironisch.

Das Testament mit der Verfügung, dass keines seiner Werke in Österreich gespielt werden und keines seiner Worte auf einer österreichischen Bühne gesprochen werden darf, wird auf der Bühne des Theaters der Jugend geschreddert. 
Vor wenigen Wochen hat die Republik Österreich einen der teuersten literarischen Nachlässe, nämlich jenen von Thomas Bernhard, um 2,1 Millionen Euro erworben. Regisseur und Dramaturg Gerald Maria Bauer hat intuitiv schon vor Monaten das Archiv zum Schauplatz von Bernhards autobiografischen Schriften "Ein Kind" (1982) und "Im Keller" (1976) gemacht. Kästen, Laden und Schränke werden geöffnet, das Geschriebene wird lebendig, die Erinnerungen an die geliebte Mutter, die Figur des Großvaters, des Schriftstellers Johannes Freumbichler, sowie Freunde aus der Kindheit. Wie Geister der Vergangenheit erscheinen sie im nüchternen Archiv-Raum.
Bauer hat an der Prosavorlage wenig gekürzt, er verteilt die Geschichte dieser Kindheit und Adoleszenz auf mehrere Darsteller: Während Valentin Späth erzählt, wie Bernhard "im Alter von acht Jahren" (im typisch Bernhard'schen Wiederholungsgestus werden die Sätze zelebriert) mit dem Fahrrad seine Flucht nach Salzburg angetreten hat, holt Jasper Engelhardt ein entsprechendes Waffenrad aus einem Schrank, so dass Erinnerung und Erinnertes zusammenfließen und zur Realität werden. 
In einer unglaublichen Rasanz und beeindruckend textsicher wird das Glück des Radfahrens, der schnellen Bewegung in die vermeintliche Freiheit zum Leben erweckt. Doch der Bub stürzt, seine Lust am Leben erfährt zwar einen Bruch, aber keinen Abbruch, der Enge der bigotten, katholischen Welt begegnet das Kind mit Lust an allem, was sensationell ist. Und wo keine Sensation stattfindet, erschafft sich der Bub eben eine Idee davon. Bauers Blick auf diese Autobiografie ist vielschichtig und zum Teil ironisch: So hängt ein Bild mit Bernhards Konterfei an einem Regal, als würde er verschmitzt auf das Geschehen blinzeln, denn alles tief Tragische hat auch stets eine komische Seite und umgekehrt, wie es der Bernhard in seinen Tragikomödien später demonstriert. Einer der Höhepunkte ist die Katastrophe am Mittagstisch, nicht zuletzt findet bei Bernhard stets beim Essen der zentrale Konflikt statt. Bei gekochtem Rindfleisch und Suppe kommt es zur Eskalation.
Der zweite Teil "Im Keller" öffnet den Blick in die von Bernhard beschriebene "Nützlichkeitsexistenz". Die Lehre im Lebensmittelgeschäft verbindet scheinbare Paradoxa, Kunst und Kaufmännisches finden hier zu einer bemerkenswerten Koexistenz. Bauers Inszenierung etabliert eine neue Perspektive auf Thomas Bernhard: Es stellt sich nämlich die Frage, was wird erinnert und wer wird erinnert, oder bleibt die verstörende Geschichte eines Kindes? Ein innovativer und inspirierender Abend.

Julia Danielczyk


volksblatt.at / APA – 14.01.2023

Theater der Jugend: „Ein Kind“ im Thomas-Bernhard-Archiv

Der letzte Wille, in dem sich Thomas Bernhard alle Aufführungen, Nachdrucke und Nachstellungen nach seinem Tod verbeten hatte, wird gleich zu Beginn unter Schmunzeln der Archivare geschreddert. „Es endet wie es begann: mit einer Niederlage.“ Das Interesse der Bühnen an dem 1989 Verstorbenen ist ungebrochen. Für das Theater der Jugend hat Gerald Maria Bauer den Versuch unternommen, den autobiografischen Band „Ein Kind“ zu dramatisieren. Ein rundum geglücktes Unternehmen.
Ausstatter Friedrich Eggert hat ein mintfarbenes Thomas-Bernhard-Archiv auf die Bühne des Theaters im Zentrum gestellt. In Kästen und auf Regalen sind Unterlagen, Requisiten wie alte Schreibmaschinen und Radioapparate, aber auch Musikinstrumente und Menschen untergebracht. Fünf Schauspieler bevölkern das Archiv und erwecken die Erinnerungen Thomas Bernhards an seine Kindheit und Jugend zum Leben.
Jasper Engelhardt ist das titelgebende Kind. In brauner, kurzer Hose mit Hosenträgern wendet er sich immer wieder direkt ans Publikum. David Fuchs ist der geliebte Großvater, der Schriftsteller Johannes Freumbichler, der zum Vaterersatz und in seiner ablehnenden Haltung zu Menschen und Gesellschaft zum Vorbild wird. Valentin Späth, Violetta Zupancic und Stefan Rosenthal wechseln ständig zwischen Archivpersonal, Erzählern oder kurz aus der Erinnerung auftauchenden Figuren. (...)
Denn die Geschichte erzählt sich in einer Fülle von liebevollen, ironischen Details ganz spielerisch. Es ist das Making of eines großen Künstlers, von dem die Mutter, die mit dem Kind ihre liebe Not hat, bereits ahnt, dass hier ein ganz besonderer Mensch heranwächst. Ganz besonders liebenswert allerdings nicht – weswegen Bauer Passagen, in denen die Freundlichkeit, Heiterkeit und Umgänglichkeit des jungen Mannes hervorgehoben wird, in Richtung der an einer Kastentüre hängenden Schwarz-Weiß-Porträtfotografie des großen Misanthropen spielen lässt: Was stimmt – unser Bild von ihm oder sein Selbstbild?
Da sind wir schon nach der Pause (...) Das mit Selbstbeobachtung und Selbstbewunderung aufgewachsene Kind ist da bereits ein 16-jähriger Schulabbrecher, der als Lehrling in einer Lebensmittelhandlung in der Salzburger Scherzhauserfeldsiedlung (jede Nennung dieser übel beleumundeten Gegend wird mit einem Donnerschlag begleitet) arbeitet.
Gerald Maria Bauer hat nämlich auch den Roman „Der Keller. Eine Entziehung“ mit einbezogen, und es lässt sich durchaus vorstellen, dass er das in Angriff nehmen könnte, was der Zeichner Lukas Kummer seit einigen Jahren sehr erfolgreich auf dem Sektor der Graphic Novel bewerkstelligt: Allen autobiografischen Schriften Thomas Bernhards neue Bilder abzugewinnen und damit auch neue Leserschichten zu erschließen. Weil das Bernhard-Diktum, mit dem der Abend beendet wird, eben nicht stimmt: „Es ist alles egal.“ Das war es auch den Besuchern am Freitagabend nicht. Großer Premierenapplaus.

APA


Wiener Zeitung – 17.01.2023

Die Jugend von gestern

Thomas Bernhards "Ein Kind" im Theater der Jugend.

"Ein Kind", der letzte Band von Thomas Bernhards autobiografischer Reihe, erschienen 1982, erzählt von seiner Kindheit und Jugend. Der Roman lässt erahnen, wie insbesondere die Überzeugungen des Großvaters und die Überforderung und Zurückweisung der Mutter Bernhards Entwicklung und literarisches Werk prägten.

In Gerald Maria Bauers gleichnamiger Inszenierung für das Theater der Jugend in der Spielstätte Theater im Zentrum nimmt sich ein fünfköpfiges quirliges Ensemble über zweieinhalb Stunden dieses Stoffes an. Im sterilen, grell erleuchteten Kellerraum gehen Türen zu Bernhards Vergangenheit auf. Von der versuchten Flucht auf dem Waffenrad bis hin zur ersten Lehrstelle bei einem Greißler stellen Jasper Engelhardt und Valentin Späth die Alter Egos des Schriftstellers dar. Engelhardt verkörpert (...) den jungen Bernhard, Späth versucht als erwachsener Autor dem so begabten wie unangepassten Kind beizustehen.

Der kauzige Großvater (David Fuchs) mit seiner weltabgewandten Haltung sorgt für Lacher. Wild gestikulierend wettert er über die Institution Schule, wo sich überhaupt die Dummheit und Widerwärtigkeit der Welt abbilden - zum Amüsement des Publikums.

Trotz der drastisch unterschiedlichen Bedingungen einer Jugend der Kriegs- und Nachkriegszeit finden sich wohl viele junge Menschen heute in der lebenshungrigen Figur des jungen Bernhards wieder. Die Bernhardschen Schachtelsätze verwandeln sich in verständliche Figurenrede, ohne dabei jedoch an Schärfe und Eleganz einzubüßen.

Florentina Finder


kijuku.at – 15.01.2023

(Fast) Unmögliches wird möglich: Theaterstück aus Thomas Bernhards Autobiographie

Im Theater der Jugend (Wien) werden zwei Prosa-Texte („Ein Kind“ und „Der Keller“) des einst umstrittenen, nach seinem Tod zur Legende gewordenen Autors lebendig.

Ewiger Außenseiter (häufig „Störenfried“ von der Fremd- zur Eigenbezeichnung verwendet). Als Kind von der alleinerziehenden Mutter mehrmals „abgegeben“, verschickt, und wenn bei ihr, dann abgelehnt, beschimpft, geschlagen. In einem militärisch geführten Erziehungsheim mit Essensentzug fürs Bettnässen bestraft. In der Schule missverstanden, an den Rand gedrängt. In dieser Ablehnung bestärkt durch das einzige geliebte Vorbild, den schriftstellernden Großvater, der Lehrer ebenso immer wieder der Idiotie beschimpft wie di Kirche. Schule abgebrochen, Lehre begonnen. Aber nicht bei einem Betrieb bester Innenstadt-Adresse, wie es die Arbeitsamts-Beamtin empfiehlt und dringend anrät, sondern in „entgegengesetzter Richtung“, ausgerechnet in der übel beleumundeten Stadtrandsiedlung. Heute würde sie als „sozialer Brennpunkt“ benannt werden. Dort fühlt sich er junge Mann offenbar erstmals rundum wohl, weil er als angehender Lebensmittel-Einzelhändler sinnvolle Tätigkeit verrichtet.
Fast denkunmöglich, dass bei solch einer Biographie einer der bedeutendsten österreichischen Autoren Österreichs erwächst. Und doch wurde Thomas Bernhard (1931 bis 1989) zu einem solchen. Wie als Kind lange abgelehnt, umstritten, nach und nach – und vor allem nach seinem Tod hochgelobt, fast zu einem Denkmal erhoben.

Sehr gelungen

Die eingangs mehr als knapp zusammengefasste Kindheit und Jugend beschrieb, der vor allem für seine Theaterstücke – viele davon vom lange auch umstrittenen Burgtheaterdirektor Claus Peymann inszeniert – berühmt gewordene Schriftsteller in autobiographischen Texten. Liest du die Texte „Ein Kind“ bzw. „Der Keller – eine Entziehung“ mit den teils elendslangen, verschachtelten Sätzen und vielen Wiederholungen, denkst du – wie soll das auf die Bühne???
Und dennoch machte das Theater der Jugend in Wien in seiner kleineren Spielstätte (Theater im Zentrum) daraus einen dichten, aber nicht zu dichten, 2 ½-stündigen Theaterabend bzw. -nachmittag für (nicht nur) Jugendliche (ab 13 Jahren). Und das – beim Lesen der Texte – fast unmöglich erscheinende Vorhaben ist: Erstaunlich gut gelungen.
Gerald Maria Bauer, der es auch schaffte, überhaupt die Rechte dafür zu bekommen, hat – ausschließlich aus Textpassagen Thomas Bernhards aus den beiden genannten Abschnitten dessen Autobiographie – den zweiteiligen Abend montiert und inszeniert.

Archiv

Der erste Teil – vor der Pause – spielt in einem Archiv aus alten Metall-Regalen mit Schachteln und Objekten wie einer alten Schreibmaschine, mindestens genauso alten Radioapparaten. Kästen, Laden, Metalltischen auf Rädern, unter anderem mit einem Computer, in dem offenbar Teile des Archivs digitalisiert werden. Sowie einem Schredder – in dem auch das erste Zitat, wonach Bernhard verfügte, dass Nichts aus seinem Werk in Österreich gesielt oder vorgetragen werden dürfe – zu Papierschnipseln wird. Und dann hängt da noch auf einem der Kästen, aus denen hin und wieder Schauspieler:innen auftauchen ein, nein DAS bekannteste, Schwarz-Weiß-Foto von Thomas Bernhard auf dem er nachdenklich und doch ein bisschen verschmitzt in die Gegend schaut.

Doppelt

Thomas Bernhard tritt zweifach oder zwiegespalten auf: Jasper Engelhardt spielt das Kind und Valentin Späth den erwachsenen Autor, der seine Kindheit reflektierend betrachtet – wie es der Text auch anlegt. Nur zu Beginn setzen sie papierene Gesichtsmasken auf. Ansonsten reicht ihr Spiel, der verinnerlichte Texte. Im Ping-Pong flitzen die Sätze zwischen den beiden hin und her – mitunter auch mitten im Satz.
Und in dieses Duo fügen sich auch die drei anderen Schauspieler:innen ein: David Fuchs (vor allem als geliebter, bitterböse die gesellschaftlichen Umstände sowie Schule und Kirche kritisierender, verdammender schriftstellerische Großvater), Violetta Zupančič als Mutter, Erzieherin, Psychologin und Karikatur einer Arbeitsamt-Beamtin sowie Stefan Rosenthal. Der schlüpft in unzählige Rollen – von den Freunden des Kindes Bernhard (Schorschi und Hansi) über den verhinderten Musiker, der Lebensmittelhändler und damit Bernhards Ausbildner Karl Podlaha wird bis zum Gauleiter Giesler, dessen Auftritt der junge Bernhard erlebte.

Rad-Heldentat

Ins Zentrum des Stücks stellt die Inszenierung das Widerständische, das Gelingen. Der achtjährige Thomas Bernhard schnappt sich ungefragt das Waffenrad seines im 2. Weltkrieg in die Wehrmacht eingerückten Vormundes, tritt zum ersten Mal in seinem Leben in Pedale – und das gleich mit dem Ziel Salzburg (von Traunstein aus, Fahrstrecke mehr als 45 Kilometer). Sturz, kaputtes Rad, langer Fußmarsch. Angst vor Schimpfern. Aber Held!
Immer und immer wieder kommt das zur Sprache. Darum herum gruppiert die anderen – eingangs schon genannten – und weitere Lebensstationen des sich fast immer ungeliebt fühlenden Kindes.

Schulabbruch

Erst zwei Wochen vor der Premiere war fix, dass es nach dem rund 1 ½-stündigen Teil aus „Ein Kind“ auch einen zweiten Teil nach einer Pause geben würde. „Der Keller – Eine Entziehung“ schildert – sehr, sehr verknappt aber doch aufs Wesentliche konzentriert, wie Thomas Bernhard als Jugendlicher von einem Tag auf den anderen das Gymnasium hinschmiss, weil es ihn nicht nur nervte, sondern er die Schule für sinnlos hielt. Das vorherige Archiv (Bühnenbild: Friedrich Eggert) wird nun einerseits Arbeitsamt und dann Lager und Verkaufsstätte des Podlaha’schen Lebensmittelhandels in der Salzburger Scherzhauserfeldsiedlung. Hier blüht der jugendliche Bernhard auf – öffnet er sich auch, freundlich den Kund:innen gegenüber. Und seziert gleichzeitig den Umgang der Stadtväter mit diesem „Schönheitsfehler“ Salzburgs. Und einen Grundzug im späteren Schaffen von Thomas Bernhard: „in die entgegengesetzte Richtung“ zu denken, zu schreiben, zu handeln.

Sozialer Brennpunkt und Wahrheit

In diesem „sozialen Brennpunkt“ bezog – das konnte im Theaterstück nicht mehr untergebracht werden, ist aber im autobiographischen Text zu lesen – auch Etliches an Typenbeobachtung, Menschenkenntnis. Und so manche der realen Personen, die er als Kund:innen bediente bzw. aus der Siedlung kennengelernt hatte, kamen ihm später in seinem Brotberuf als Gerichtssaal-Berichterstatter beim Demokratischen Volksblatt wieder unter. Und in diesem Buch (Abschnitt seiner Biographie – Buchtipps in der Info-Box) setzt sich Thomas Bernhard auch ausführlich und tiefgründig mit Wahrheit und Lüge und der seiner Meinung nach Unmöglichkeit auseinander, Realität wirklich wahrhaftig und wahr darzustellen.
„Dass auch Schulabbrecher was werden können, darum wollte ich auch diesen Teil aus Bernhards Biographie mit einbauen“, nennt Gerald Maria Bauer im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… den Grund dafür, auch „Der Keller – Eine Entziehung“ wenigstens kürzest zu „Ein Kind“ zu packen.
Übrigens, der Darsteller des Kindes Thomas Bernhard, Jasper Engelhardt, hatte – in dem Fall nach der Schule in Kassel auch eine Lehre absolviert, „als Elektroniker bei Herrn Antić. Ich war in der Schule schon in der Theater-AG, hab viel gespielt, aber dass man das als Beruf erlernen kann, hat mir erst eine Mitschülerin in einer Physikstunde knapp vor dem Schulende gesagt.“

Als 16-Jähriger im „Heldenplatz“

Gerald Maria Bauer selbst saß als 16-Jähriger in der berühmt gewordenen Uraufführung von Thomas Bernhards „Heldenplatz“. Zum 100-jährigen Burgtheatergeburtstag, vor allem aber auch zum 50. Jahrestag Österreichs Anschluss an Nazi-Deutschland war der Autor beauftragt worden ein Stück zu schreiben. Es waren außerdem die „Waldheim“-Jahre – Kurt Waldheim war österreichischer Bundespräsident (1986 bis 1992) und er hatte in seinem Lebenslauf verschwiegen, dass er ein hochrangiger Offizier in der Wehrmacht einerseits und obendrein freiwillig in der Nazi-Kampftruppe SA war.
Gegen das Stück und dessen Uraufführung gab es im Vorfeld eine mediale Hetzkampagne, während der Aufführung gab es organisierte Störaktionen und Pfiffe – sowie als Gegenreaktion Bravo-Rufe. „Wir Jungen waren alle durch den Waldheim Skandal und die mangelhafte Aufarbeitung der NS-Diktatur in Österreich ziemlich aufgeschreckt. Da war der Übertreibungskünstler Bernhard schon unsere Identifikationsfigur, an der man sich festhielt“, meinte Bauer gegenüber KiJuKU.

Liebe, Hass und …

„Also ein Thomas-Bernhard-Fan?“ – auf diesen Einwurf des Journalisten nach der vielumjubelten Premiere entgegnete der Regisseur allerdings: „Am Montag liebt man ihn, am Dienstag hasst man ihn, am Mittwoch denkt man, er ist ein Genie, und am Donnerstag geht das Wechselbad der Gefühle von vorne los…“
kijuku.at/buehne/fast-unmoegliches-wird-moeglich-theaterstueck-aus-thomas-bernhards-autobiographie/
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Heinz Wagner


Materialien

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