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Jugend ohne Gott 13 +

nach Ödön von Horváth
von Petra Wüllenweber

Stückinfo

Ort: Theater im Zentrum, 1010 Wien, Liliengasse 3
Zeitraum: 09. Januar 2020 - 26. März 2020
Premiere: 10. Januar 2020
Dauer: 01:30
Regie: Petra Wüllenweber

»Wenn nur noch Gehorsam gefragt ist und nicht mehr Charakter, dann geht die Wahrheit, und die Lüge kommt.«

Ödön von Horváth

Eine unbedachte Äußerung hätte ihn um ein Haar die Stelle gekostet. Seither übt sich der 34-jährige Lehrer in Zurückhaltung und lässt die menschenverachtende, aber massentaugliche Geisteshaltung seiner Schützlinge unkommentiert. Anstatt zu seinen Prinzipien zu stehen und dadurch sein Beamtengehalt erneut aufs Spiel zu setzen, hält er sich von nun an bedeckt und macht es sich, wie so viele Intellektuelle seiner Zeit, im inneren Exil gemütlich.
Doch die Gruppendynamik, die sich innerhalb der Schulklasse entwickelt, macht es unmöglich, nicht Stellung zu beziehen. Als sich das brodelnde Gemisch aus Verrohung, militärischem Drill und ideologischer Verblendung auf einer Klassenreise schließlich eruptiv entlädt, kommt es zur Katastrophe. In der Überzeugung, durch sein bequemes Schweigen eine nicht unerhebliche Mitschuld an der Eskalation der Ereignisse zu tragen, reift in dem Lehrer ein folgenschwerer Entschluss.
Die Klassengemeinschaft wird bei Horváth zur mikrokosmischen Abbildung einer Gesellschaft, die sich mit einer politisch propagierten Verachtungsideologie konfrontiert sieht. Oft als Auseinandersetzung des Autors mit der eigenen Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus gelesen, wirkt Horváths ziseliert anatomische Studie als Kampfansage gegen Mitläufertum, Opportunismus und stillschweigende Zustimmung heutzutage aktueller denn je. Petra Wüllenwebers Neuinterpretation konzentriert sich auf die gesellschaftlichen Mechanismen und menschlichen Verhaltensweisen, die diese Geschichte unabhängig von ihrer Entstehung an jedem Ort und zu jeder Zeit möglich machen.

Theaterworkshopreihe »Jugend ohne Gott«
Die Theaterpädagogik des Theaters der Jugend bietet zu dieser Produktion eine Workshopreihe für alle von 13 bis 18 Jahren an! Weitere Informationen finden Sie hier
Start: 20. Februar 2020
5 Termine inkl. Vorstellungsbesuch
Anmeldung per Mail an [YjY0dGFnOmxpc2EuYnJhbWVzaHViZXJAdGRqLmF0]

Einblicke vor Ort
An folgenden Terminen findet jeweils um 15:30 Uhr das kostenlose Zusatzprogramm »Einblicke vor Ort« im Buffetfoyer statt:

27. Jänner 2020
10. März 2020
23. März 2020
Für Einzelpersonen ist keine Anmeldung erforderlich.

Aufführungsrechte: Theater der Jugend, Wien

Besetzung

Lehrer Jürgen Heigl
Eva / Mutter des T / Schüler L / Schüler B / Nelly Muriel Bielenberg
Direktorin / Julius Cäsar / Schüler R / Die Uralten / Kommissar Lynne Williams
Pfarrer / Feldwebel / Richter / Die Uralten / Oberkommissar Uwe Achilles
Schüler N / Vater von N / Staatsanwalt / Mutter des Z / Angestellte Anja Rüegg
Schüler Z / Schüler T Stefan Kuk
Regie Petra Wüllenweber
Bühne Peter Engel
Kostüme Regina Rösing
Musik Markus Reyhani
Licht Fritz Gmoser
Dramaturgie Sebastian von Lagiewski
Assistenz und Teilinspizienz Eva Maria Gsöllpointner
Teilinspizienz Charlotte Morschhausen
Hospitanz Lisa Rodlauer

Kritiken

Wiener Zeitung – 14.01.2020

Die Kraft des Erzählens

Multitalent Petra Wüllenweber: Schreiben und inszenieren für junges und erwachsenes Publikum.

Das Stück der Stunde könnte ein Roman aus dem Jahr 1937 sein: Ödön von Horváths "Jugend ohne Gott". Der Autor war zur Entstehungszeit schon auf der Flucht vor den Nazis, seine Stücke wurden in Deutschland nicht mehr gezeigt, der Roman erschien in einem Exilverlag in Amsterdam. Horváth erzählt darin parabelartig von der Machtübernahme durch die Faschisten. Hellsichtig hält der Autor fest, wie Drill, Gehorsam und Angst in den Alltag eines Provinzgymnasiums einsickern und das christlich-humanistische Wertesystem erodiert. Hermann Hesse schrieb damals über den Roman, "er schneidet quer durch den moralischen Weltzustand von heute." Unmittelbar nach Erscheinen wurde das Buch in acht Sprachen übersetzt und postwendend von der Gestapo auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt.

Dieser Tage findet sich "Jugend ohne Gott" auf erstaunlich vielen Theaterspielplänen wieder. Nurkan Erpulat brachte eine Dramatisierung als "Chronik der Verrohung" im Berliner Gorki Theater heraus, Thomas Ostermeier gelang eine viel beachtete Auseinandersetzung bei den diesjährigen Salzburger Festspielen. Nun arbeitet Petra Wüllenweber die Mechanismen, die zu einer Diktatur führen können, im Theater im Zentrum heraus. Die Aufführung in der Innenstadtspielstätte des Theaters der Jugend richtet sich definitiv nicht nur an ein junges Publikum (ab 13 Jahren).

Der generationenübergreifende Ansatz ist für die Theaterfrau programmatisch: "Mir ist am Theater wichtig, dass es um ein Thema geht, das uns alle angeht", sagt die 48-jährige Regisseurin im Gespräch mit der "Wiener Zeitung." "Ich glaube an die Kraft des Erzählens." Wüllenweber arbeitet nicht ausschließlich am Kinder- und Jugendtheater, sondern regelmäßig auch an Bühnen für ein erwachsenes Publikum. Das ist in der Branche nicht unbedingt üblich. Auch als Dramatikerin hat sie sich in beiden Sphären einen Namen gemacht: Ihr Cybermobbing-Stück "Netboy", 2015 im Theater im Zentrum zu sehen, ist eine fulminante Auseinandersetzung mit der dunklen Seite des Umgangs von Jugendlichen mit sozialen Medien; ihre hellsichtige Burnout-Studie "Restglühen" (2015) ist wiederum ein Bühnenhit im Erwachsenentheater. "Ich lasse mich ungern in Schubladen stecken", sagt die vielseitige Theatermacherin über ihr Arbeitsfeld.

2018 inszenierte Wüllenweber mit "Die weiße Rose" ein Stück über die gleichnamige Widerstandsbewegung im Theater im Zentrum. Dabei gelang ihr die Gratwanderung zwischen historischer Dokumentation und mitreißendem Bühnenspiel. Nun also Horváths "Jugend ohne Gott": "Der Stoff hat mich nicht mehr losgelassen", so Wüllenweber. "Was Horváth beschreibt, hat viel mit unserer Gesellschaft zu tun - Menschen werden ausgegrenzt, es kommt zu Verhärtungen und Verrohungen."

Quer durch den Bühnenraum schlängelt sich eine Holzbrücke, als Symbol für die Schullandwoche, die sich als paramilitärisches Trainingscamp entpuppt. Dort eskaliert die Gewalt, es kommt zu einem rätselhaften Mord und Selbstmord. Im Zentrum des Geschehens steht der Gewissenskonflikt des Lehrers, den Jürgen Heigl überzeugend darzustellen vermag. Wüllenwebers Bühnenfassung zeichnet gekonnt die Entwicklung des Protagonisten nach - von der anfänglichen Anpassung an das faschistoide System über die zunehmende innere Zerrissenheit bis hin zur überraschenden Wende. Chapeau.

Petra Paterno


Kronen Zeitung – 12.01.2020

Unter Kommando der Idioten

Thomas Ostermeier hievte letzten Sommer für die Salzburger Festspiele Odön von Horvaths "Jugend ohne Gott" auf die Bühne des Landestheaters. Mit mittelmäßigem Erfolg. Nun wagte sich Petra Wüllenweber für das Theater der Jugend an das Experiment, den 1937 entstandenen Roman als Theaterstoff zu etablieren.

Wie schon Ostermeier entschied sich auch Wüllenweber in ihrer Inszenierung im Theater im Zentrum für ein kleines Ensemble mit Schauspielern und Schauspielerinnen, die bis auf den Lehrer mit dem Spitznamen "Ausländer" in unterschiedlichste Rollen schlüpfen. Aber die Dramaturgie, mit der Horvath in seinem Roman die Aufmerksamkeit des Lesers weckt, wird trotz Verkürzungen und Auslassungen in ihrer Bühnenversion stärker greifbar als bei Ostermeier.

Von der Schule, in der Gehässigkeit, auch Ungeist herrscht, ins Zeltlager zur körperlichen Ertüchtigung, vom Lehrer-Stalking bis zum Mord des Knaben mit den "Fischaugen" aus jugendlicher Neugierde: Petra Wüllenweber behält nazistische Züge des Romans im Auge, überbetont sie aber nicht, sondern findet in ihrem Konzentrat auch die Parallelen zur Gegenwart. Die Meinung des Lehrers "Auch Afrikaner sind Menschen" (für die er angefeindet wird) ist das eine, heutiges Mobbing an Schulen, Gemeinheit und Selbstherrlichkeit Erwachsener wie Eltern werden knapp und doch schmerzhaft sichtbar.

"Die Divisionen der Charakterlosen unter dem Kommando der Idioten." Wüllenwebers dichte Inszenierung mit hervorragenden
Typen, mit Jürgen Heigl als Lehrer, der zur Wahrheit zurückfindet, mit Muriel Bielenberg, Lynne Williams, Uwe Achilles, Anja Rüegg und Stefan Kuk, kehrt gerade dieses obige Zitat, das so sehr in die heutige Zeit passt, bewusst oder unbewusst hervor.
Und dennoch: Es ist auch packendes Theater, es wird gespielt: Man versteckt sich hinter Masken, zeigt Perfidie, lässt die Systeme, die rundum wieder erwachen, sehen.

Thomas Gabler


Der Standard – 22.01.2020

Fataler Opportunismus: "Jugend ohne Gott" im Theater der Jugend

Recht ist, was der eigenen Sippschaft frommt", heißt es in Ödön von Horváths Roman Jugend ohne Gott (1937). Und alles andere geht "uns", dreht man die Behauptung weiter, nichts an und wollen "wir" auch nicht haben. Alles andere soll also nicht rechtens sein. Diese nicht zuletzt xenophobe Ideologie hat Horváth (1901–1938) im Kontext einer Mittelschule zur Nazizeit eindringlich aufgezeigt. Dass das Buch bereits 1938 in die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" aufgenommen und vom Markt genommen wurde, überrascht nicht.

Die "Sippschafts"-Propaganda ist nicht ausgestorben, man denke an markige Wahlkampfsprüche einschlägiger Parteien ("Daham statt Islam"). Auch vom "Gift der Humanitätsduselei" ist heute öfter wieder die Rede, immer dann, wenn Privilegierte sich die Bemühungen um ein menschenwürdiges Zusammenleben vom Leib halten wollen. Viele Gründe also, um Ödön von Horváths weitsichtiges Buch heute zu lesen oder auf die Bühne zu bringen.

Das leider Nicht-Gesagte

Die neue Produktion des Wiener Theaters der Jugend reiht sich auch ein in eine Liste von Inszenierungen, die sich zuletzt neu mit dem Stoff auseinandergesetzt haben, u. a. jene der Salzburger Festspiele im letzten Sommer oder jene des Schauspielhauses Graz, das eine bereits 2013 herausgebrachte Bühnenversion dieser Tage wieder im Programm hat.

An der Spielstätte im Theater im Zentrum inszeniert nun Petra Wüllenweber für junges Publikum ab 13 Jahren eine eigene Bühnenfassung als düstere Studie über Opportunismus und seine fatalen Folgen. Der Aufenthalt in einem Zeltlager wird für eine Schulklasse zur Tragödie. Einer der nur als Typen charakterisierten Schüler ohne Namen (sie heißen lediglich "T" oder "N") wird ermordet aufgefunden. Wer war es? Sicher jemand Kriminelles von außen! Ein im Wald untergetauchtes Mädchen wird verdächtigt. Das Geständnis kommt aber von einem Burschen, der ein Motiv hat. Das Motiv gründet allerdings auf einer falschen Annahme, denn der Lehrer hat etwas verheimlicht. Das aus Feigheit nicht Gesagte kann eben auch katastrophale Folgen haben.

Wie eine Teufelsaustreibung

Wüllenweber hüllt den Stoff in aschgraue Farben. Ein schmaler, schiefer Holzsteg (Bühne: Peter Engel) markiert den morastigen Boden des Zeltlagers. Nebel kriecht herein, und ein Selbstmord wird folgen. Jugend ohne Gott wirkt hier wie eine Teufelsaustreibung, aus der die Protagonisten am Ende geläutert hervorgehen und gestärkt vor den Mächtigen (Schuldirektor, Richter, Kirche) ihre Standpunkte verteidigen. (...) Das Ensemble agiert indes mit Verve, besondere Dringlichkeit erzeugte Anja Rüegg.

Margarete Affenzeller


Online Merker – 13.01.2020

WIEN / Theater der Jugend: JUGEND OHNE GOTT

WIEN / Theater der Jugend im Theater im Zentrum:
JUGEND OHNE GOTT nach Ödön von Horváth von Petra Wüllenweber
Premiere: 10. Jänner 2020,
besucht wurde die Vorstellung am 13. Jänner 2020

Von den Romanen des Ödön von Horvath reizt „Jugend ohne Gott“ offenbar besonders zur Dramatisierung. 1937 in der Emigration geschrieben, ist der Beginn des Werks eine politische Parabel, die so aktuell anmutet, dass man sie nicht nur heute, sondern jederzeit anwenden kann. Und zu Beginn des Abends im Theater im Zentrum, den Petra Wüllenweber textlich erstellt und inszeniert hat, ist man auch voll gefesselt.

Man erkennt es: Die Schulsituation, der Lehrer, der von schlicht humanistischen Gedanken ausgeht, für den also auch „Afrikaner“ (in Horvaths Roman heißt es noch „Neger“) Menschen sind; die Schüler, ziemlich heutig in ihrer gehässigen Attitüde dem Lehrer gegenüber, sind im Gedankengut des Zeitgeistes so weit eingefärbt, dass sie ihm für seine Humanitätsduselei alle Schwierigkeiten bereiten – und der Lehrer muss sich entscheiden, ob er sich duckt und den Beruf behält, den er schließlich als Lebensunterhalt braucht, oder ob er den Mund hält und seine Empörung in sich hineinfrisst? Er duckt sich, bis zu einer Wendung am Ende.

Da hat das Stück aber bereits eine andere Richtung genommen. Die Analyse von Druck und Anpassung (geht’s aktueller?) weicht einer ausschweifenden Thematik, die teils religiös ist (wobei der Glaube an „Gott“ dann mit ethischem Verhalten gleich gesetzt wird), teils aber auch glatt einen „Krimi“ ergibt. Lehrer und Schüler in einem Zeltlager, einer von ihnen entdeckt die Liebe zu einem Outlaw-Mädchen, das aus einer Besserungsanstalt in die Wälder geflohen ist und dort mit einer „Bande“ lebt. Unter den Schülern brodeln Wut, Eifersucht, Sadismus, es ist der Lehrer, der das Tagebuch des Schülers liest, aber ein anderer wird verdächtigt… und am Ende gibt es einen Mord. Auch wenn der Lehrer im Widerstand zu allen, die hier lieber ein Bauernopfer als den wahren Schuldigen wollen, diesen zu nennen bereit ist: Letztendlich siegen immer die „Reichen“ – auch eine ewige Erkenntnis.

Horvath hat viel Grundsätzliches in den Roman gepackt, hat dem Lehrer nicht nur die Schüler gegenüber gestellt, sondern auch einen alten Kollegen, der in Zynismus und Sexualität baden, oder einen Priester, der allen Ernstes erklärt, es sei die Pflicht der Kirche, an der Seite der Reichen zu agieren. Horvath, dessen Herz immer für die „Armen“ schlug (die materiell Armen, die Chancenlosen, die Ausgegrenzten), hat in diesem Buch andere Probleme. Sie sind, wie sich zeigt, teilweise die unseren.

Die Aufführung verfährt geschickt in dem Bühnenbild von Peter Engel, das nichts weiter ist als ein gewundener Holzsteg. Dort kann das Geschehen, das – wie bei Romandramatisierungen meist – ja von einer Szene in die andere fließt (eineinhalb pausenlose Spielstunden) immer überzeugend imaginiert werden.

Nur Jürgen Heigl (stark und still, kaum aufbegehrend) hat als Lehrer eine Solorolle, strahlt Hilflosigkeit, Vereinsamung und Zweifel (nicht zuletzt an Gott, der kein allgütiger sein kann) aus. Als Priester steht ihm Uwe Achilles gegenüber (der noch mehrere Rollen hat), als der alte Professor Lynne Williams. Sie ist auch eine der Schüler/Schülerinnen: Muriel Bielenberg, Anja Rüegg und Stefan Kuk bilden mit Lynne Williams die Schülertruppe, wirken immer wie viel mehr Leute, als sie eigentlich sind, eine Phalanx von Bosheit und Böswilligkeit. Virtuos schlüpfen sie in viele andere Rolle, egal welchen Geschlechts und Alters, und es ist immer wieder bemerkenswert, auf welchem Niveau im Theater der Jugend gearbeitet wird. Auch wenn manchmal die Stringenz fehlt und manchmal die Klarheit (das Gleichnis mit den „Fischen“ erschließt sich wohl nur dem Kenner des Buches), ist es ein starker Abend, dem das jugendliche Publikum gespannt folgte und den es kräftig akklamierte.
(...)

Renate Wagner


Kinder Kurier – 11.01.2020

Menschlich oder menschenverachtend

„Jugend ohne Gott“ nach Ödön von Horvath derzeit neu im Theater der Jugend (Wien). Viele Versionen auch andernorts.

Wenn sogar schon Aussagen, dass keine Menschengruppe minderwertiger ist als andere als „Sabotage am Vaterland“ betrachtet und bezeichnet wird, dann – ja dann befinden wir uns - in dem Fall - nicht in einer aktuellen nationalistisch aufgeheizten Kundgebung oder Versammlung, sondern im Theater. In einem Stück auf der Basis des vor mehr als 80 Jahren von Ödön von Horvath geschriebenen Klassikers „Jugend ohne Gott“.

„Humanitätsduselei“

„Oh, mir machen Sie nichts vor! Ich weiß es nur zu gut, auf welch heimlichen Wegen und mit welch perfiden Schlichen das Gift ihrer Humanitätsduselei unschuldige Kinderseelen zu unterhöhlen trachtet!“, empört sich der Vater des N über den Lehrer. Der hatte „gewagt“ dem Schüler N zu seinem Satz „Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul“ bei der Rückgabe des Aufsatzes anzumerken, dass auch die Menschen sind.

(Fast) allgegenwärtig

Salzburg, Graz, Wien im WuK und im Spielraum, vor 2 ½ Jahren neu verfilmt, und nun auch im Theater im Zentrum, dem kleineren Haus des Theaters der Jugend, wurde und wird dieses Stück gespielt. Etliche der Bühnenversionen verwenden fast 1:1 weite Passagen aus Horvaths Romantext aus dem Jahr 1937. Die Sprache wirkt nur in ziemlich wenigen Formulierungen veraltet umd die die aktuellen Versionen bereinigt sind. Unterschiedlich der Umgang mit dem lange Zeit üblichen und gar nicht immer abwertend gemeinten N-Wort. Manche neuen Versionen haben offenbar auch noch Angst es durch „Schwarze“ zu ersetzen und weichen auf „Afrikaner“ aus.

Propaganda

Zentraler Konflikt des Stücks ist, um es zugespitzt zu fassen, jener zwischen einer christlich-sozialen-menschlichen Haltung und einer nationalistisch bis faschistischen, jedenfalls menschenverachtenden Position. Leider nicht nur eine historische Geschichte – aus der offenbar doch nicht so viele Lehren gezogen werden ;(Der Lehrer traut sich nicht mehr seine Meinung „sinnlose Verallgemeinerung“ unter Ns Aufsatz zu schreiben. „Habe ich den Satz nicht schon mal gehört?... was einer im Radio redet, darf kein Lehrer im Schulheft streichen… und die Zeitungen drucken es nach und die Kindlein, sei schreiben es ab.“

Krimi

Vordergründig spielt sich zusätzlich ein Krimi ab. Schüler N wird beim eher paramilitärischen Zeltlager erschlagen. Ein anderer Schüler, Z (alle Schüler haben nur ihre Nachnamens-Anfangsbuchstaben), beschuldigt. Der nimmt die Schuld auf sich, weil er glaubt, eine junge Frau in die er sich verliebt hat, wäre die Täterin.

Mut zur Wahrheit

Anlass für den Streit war, dass Z Tagebuch führt und das Geheimversteck dafür aufgebrochen worden ist. Das hat aber der Lehrer gemacht. Im Prozess als Zeuge einvernommen, überwindet er endlich seine Angst und gesteht, verliert seinen Job und wirkt befreit. Der Mut zur Wahrheit bringt ihn wieder näher an seine Werte, die er aus Opportunismus zu verraten begonnen hat. „Gott“ steht hier eher für grundlegende menschliche Werte. Er und ein paar Schüler, die sich nun zu einem Klub zusammengefunden haben, die verbotene Literatur lesen und diskutieren, machen sich auf die Suche nach dem Mörder von N. Wobei für diesen und seinesgleichen das Symbol der Fische verwendet wird. „Die Erde dreht sich in das Zeichen der Fische hinein. Da wird die Seele des Menschen unbeweglich wie das Antlitz eines Fisches.“

Von fast allen Seiten

Regisseurin Petra Wüllenweber, die vor zwei Jahren hier auch „Die weiße Rose“ – über die antifaschistische Widerstandsgruppe rund um die Geschwister Scholl inszenierte – setzt auch in „Jugend ohne Gott“ unter anderem darauf, dass die Darsteller_innen nicht nur frontal von der Bühne spielen. Sie haben Auftritte von verschiedenen Seiten des Publikumsraumes. Damit finden sich die Zuschauer_innen immer wieder sozusagen mitten im Geschehen. Vielleicht führt das bei der einen oder dem anderen auch zu (späteren) Gedanken, wie und was würde ich machen – wie vielleicht in einer Situation reagieren, wenn alle gegen einen vorgehen – wie die Klasse gegen den humanistisch eingestellten Lehrer?

Viele Rollenwechsel

Übrigens schlüpfen mit Ausnahme des Lehrer-Darstellers Jürgen Heigl alle anderen in mehrere, manche sogar in viele verschiedene Rollen: Sehr vielfältig Muriel Bielenberg, großartig Lynn Williams, wandlungsfähig Uwe Achilles, fast immer bitterböse Anja Rüegg und Stefan Kuk als Schüler Z bzw. T und damit ziemlich gegensätzlich.

Spannend die immer gleichbleibende Bühne mit einem hölzernen Steg, die Brücke und Barriere sein kann.

Follow@kikuheinz
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Heinz Wagner


Materialien

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