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Grußwort von Thomas Birkmeir

Liebes Publikum,

zuallererst möchten wir uns bei Ihnen bedanken! Sie haben uns mit einer nahezu zehnprozentigen Publikumssteigerung in der vergangenen Saison erneut in die Top 5 aller österreichischen Sprechtheater »geschossen«. Ganz zu schweigen von unserer Auslastung, die mit 96 Prozent im internationalen Vergleich nahezu unschlagbar ist.

Wir nehmen diesen enormen Zuspruch – auch in den vielen positiven Mails und Briefen – als Zeichen, dass wir mit unserem gesellschaftskritischen Kurs richtig liegen – und freuen uns über Ihre anhaltende Neugierde. Es ist uns nach wie vor ein Anliegen, schon den Kleinsten die Werte der Aufklärung nahezubringen, mit ihnen gegen Ausgrenzung und Intoleranz zu kämpfen und ihren Widerstandsgeist zu stärken.

Wenn man im alten China jemandem etwas Schlechtes wünschte, dann sagte man: »Du sollst in interessanten Zeiten leben!« Vielleicht ist es wieder an der Zeit, sich gegen »interessante Zeiten« zu wappnen.

»Ich habe eine weiße Hautfarbe, ich bin in ein reiches Land geboren worden, ich habe den richtigen Reisepass, ich durfte drei Universitäten besuchen und hatte mit 23 Jahren meinen Abschluss. Ich spüre eine moralische Verpflichtung, denjenigen Menschen zu helfen, die nicht meine Voraussetzungen hatten. « – Dies sagte die Seenotretterin Carola Rackete diesen Sommer in einem Interview mit einer italienischen Zeitung. Das lässt unweigerlich an Antigone denken: Wo die Verteidigung von Menschenrechten zur Straftat erklärt wird, wird ziviler Ungehorsam zur Pflicht.

Eine andere Person bringt zehntausende SchülerInnen auf der ganzen Welt dazu freitags zu demonstrieren, um den Raubbau an unserem Planeten zu beenden und uns alle zum Umdenken zu bewegen: Greta Thunberg.

Die Liste junger, moderner HeldInnen ließe sich verlängern: Malala, Edward Snowden, Chelsea Manning, Aki Ra, Razia Ran – um nur einige zu nennen – sind undogmatische ÜberzeugungstäterInnen. Was sie vereint, ist, dass sie nicht länger warten, bis sich die anderen und vor allem auch die Mächtigen ändern. Sie nehmen das Heft selbst in die Hand – auch wenn es ihnen teilweise fast übermenschliche Opfer abverlangt.

Das ist wohl das, was man »Zivilcourage« nennt. Was jedoch lässt Menschen so handeln, dass sie sogar in Kauf nehmen angefeindet zu werden, ausgegrenzt oder eingesperrt? Dass hier das Mitgefühl, die »Empathie«, eine große Rolle spielt, sich in einen anderen Menschen oder eine Situation hineinversetzen zu können und daraus die eigene, teilweise unorthodoxe Konsequenz zu ziehen, ist nicht von der Hand zu weisen.

Die gute Nachricht lautet: Der Mensch wird mit Empathie ausgestattet geboren. Allerdings machen diese »Empathie-Gene« nur zehn Prozent unseres Verhaltens aus – der Rest ist: Erziehung, Sozialisation und Erfahrung. Und vielleicht ist das die noch bessere Nachricht: Empathie ist zu 90 Prozent erlernbar!

Wollen wir tatsächlich weiterhin leben in Zeiten der sogenannten »Ich-AGs«, in denen Solidarität mit anderen als »Gutmenschentum« abgekanzelt wird? In denen Staatsoberhäupter bedeutender und kleinerer Nationen ungestraft ganze Bevölkerungsgruppen rassistisch diskreditieren dürfen und uns zum Glauben verführen, dass es ganz in Ordnung ist, dass Tausende im Mittelmeer – in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft – ertrinken?

»Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf«, meinte schon der Philosoph Thomas Hobbes vor vierhundert Jahren, aber mutige Menschen wie die oben Genannten beweisen, dass wir auch anders miteinander umgehen können. Und müssen.

Theater ist die älteste Kunstform der »Einfühlung«, der »Identifizierung« mit dem Gegenüber. So wie der/die Schauspieler/in sich in die Rolle begibt, soll auch der/die Zuschauer/ in sich in den jeweiligen dargestellten Menschen hineindenken – und fühlen können. Schon die »alten Griechen« haben anhand von Beispielen auf der Bühne moralisches oder amoralisches Verhalten verhandelt und so das Publikum befragt: Was würdest Du tun, wenn du in seiner/ihrer Situation wärest?

Wir laden Sie und Ihre Kinder wieder herzlich dazu ein, auch in unserer neuen Saison, an spannenden, gesellschaftlich relevanten Themen teilzuhaben, die Spaß am Mit-Denken lostreten sollen, Lust am Anders-Denken wecken und das Nach-Denken zu einem Abenteuer werden lassen.

Denn Mitgefühl heißt ja immer auch: sich in jemand anderen hineindenken können! Also: mehr Empathie wagen!

Ihr

Thomas Birkmeir
Künstlerischer Direktor

Thomas Birkmeir

Thomas Birkmeir