Editorial zur Saison 2008/2009
Martin war so vertieft in »Space Aggressor« (immerhin hatte er die Aufgabe, den grausamen Sm'Orck mit der auf Level 7 erbeuteten Laserkanone in dünne Scheiben zu zerhacken, um endlich Level 8 zu erreichen), dass er die mehrmaligen Rufe seiner Mutter, er solle nun endlich zum Abendessen kommen, schlichtweg nicht hörte. Wozu auch essen, wenn man die Menschheit und den Blauen Planeten vor der totalen Vernichtung durch Sm'Orck und seine übel riechenden Handlanger retten soll?
Umso überraschter war er, als seine Mutter in das Zimmer stürmte, die Software- CD aus dem Computer nahm, sie zerbrach, in den Abfalleimer warf, den Stecker aus dem Rechner zog und das Kabel unter den Arm klemmte. Martin starrte sie nur an – und plötzlich schien es ihm als hätte seine Mutter gewisse Gesichtszüge mit Sm'Orck gemein. Eigenartig, dass ihm das nicht schon früher aufgefallen war …
»Ab jetzt ist Schluss damit!«, keuchte Martins Mutter. »Ich habe viel zu lange zugesehen. Du verkommst zu einem dicklichen, blassen, einsamen Computermonster! Essen steht auf dem Tisch.« Mit energischem Schritt verließ sie das Zimmer.
Martin glotzte seinen toten Bildschirm an und fühlte sich, als hätte Sm'Orck ihm bei lebendigem Leib das Herz herausgerissen. Zurück auf Anfänger-Level. Offensichtlich ging die Invasion der Aliens schon so weit, dass sie insgeheim seine eigene Mutter fernsteuerten, ja, vermutlich waren alle Erwachsenen irgendwie ferngesteuert und infiltriert von Verderben bringenden Außerirdischen. Anders konnte sich Martin das seltsame Verhalten dieser Spezies »Erwachsene« nicht erklären.
Er ging mit misstrauischem Gefühl in die Küche, wo seine Eltern bereits warteten. Ja, tatsächlich, bei genauem Hinsehen kamen sie Martin nun fremd vor. Zitternd setzte er sich zu ihnen und stocherte in etwas Grünem, das sie »Spinat« nannten (wohl aber eine Art die Gene veränderndes Material war).
»Na, was hast du heute erlebt?«, fragte der Fremdling, der von Martin erwartete, dass er ihn Vater nannte. Aha, man wollte ihn also ausspionieren! »Erlebt? Nichts«, sagte Martin – er hielt es für das Beste, dem Feind keine Anhaltspunkte zu geben … »In deinem Alter bin ich im Sommer im See geschwommen, habe mit meinen Freunden Baumhäuser gebaut, bin draußen gewesen bis es dunkel wurde – in der Natur.« Die Frau, die sich seine Mutter nannte, nickte und warf ihm einen freundlich aufmunternden Blick zu.
Wie perfide und schlau diese Aliens doch waren! Typisch, der Fremdling und seine Helfershelferin wollten Martin zu lebensgefährlichen Aktionen auffordern: schwimmen, auf Bäume klettern, sich der feindlichen Natur aussetzen …
Martin sprang auf und nahm all seinen Mut zusammen: »Glaubt nicht, dass ich euch nicht durchschaue! Ihr wollt, dass ich ertrinke, mich zu Tode stürze oder in irgendeiner Naturkatastrophe ums Leben komme! Aber ihr werdet die Menschheit nicht ausrotten!« Er presste seinen Körper gegen den Geschirrschrank – und wartete auf den finalen Schlag von Sm'Orcks unbarmherzigem Gehilfen.
Stattdessen sahen sie ihn erschrocken, hilflos und – seltsamerweise – traurig an. Hätte Martin nicht geargwöhnt, dass es sich um eine neue Finte des Feindes handelte, dann wäre wohl so etwas wie Mitleid in ihm aufgestiegen …
Nun kam die Fremdlingin auf ihn zu, nahm ihn in den Arm und streichelte über sein Haar! Martin zuckte für einen Moment zurück – und spürte doch, wie gut das tat. »Wir haben dich wohl zu lange alleine gelassen …«, sagte sie, und Martin war überrascht über die Bandbreite der überlegenen Intelligenz der Außerirdischen, denn nun kam auch das Wesen, das sich Vater nannte und umarmte sie beide. »Wir sind eine Familie, und wir haben uns viel zu lange aus den Augen verloren«, seufzte er und gab sowohl Martin als auch der Mutter einen Kuss auf die Stirn.
Der Rest ist Gehirnwäsche …
Von diesem Tag an musste Martin viel Zeit mit den Aliens verbringen. Nach anfänglichen Widerständen jedoch gefielen ihm die Ideen der Wesen, die sich »seine Eltern « nannten – ob es nun den Tierpark, das Floßfahren auf der Donau (bei dem Stephanie beinahe über Bord gegangen war), das gemeinsame Grillen toter Tiere im Garten betraf oder das Bauen eines Baumhauses (bei dem sich Martin beim Hämmern dermaßen auf den Daumen schlug, dass sein Nagel schwarz wurde und abfiel).
Mehr und mehr vergaß Martin den grausamen Sm'Orck und sein »Reich des Bösen«, das sich einmal auf der Festplatte des Computers befunden – und die Erde bedroht hatte.
Und mehr und mehr entdeckte er, dass die Welt »da draußen« spannend war, befremdlich zwar, weil man sie nicht mit einem Joystick unter Kontrolle hatte, aber man konnte mit etwas punkten, das mit keinem »Spiel-Level« zu vergleichen war: Erfahrung.
Auf dass auch unsere nächste Saison zu einer aufregenden Erfahrung für Sie und Ihre Kinder wird!
Ihr Thomas Birkmeir