Theater der Jugend – Wien


Editorial zur Saison 2007/2008

Alle nannten sie »Fredi«, einige sogar »die alte Fredl«, was auf den seltenen Namen Alfredia zurückging. Wie hatte sie in ihrer Jugend ihre Eltern für diesen Namen verflucht! Eine »Marlene« wäre angemessen gewesen oder eine »Greta«; am liebsten aber – doch damals unmöglich – eine »Jane« – wie die von Tarzan. Ein Traum. Genauso wie der, eine gefeierte Tänzerin zu werden …

Die 75-jährige Dame schritt langsam über den Gehsteig, im vorletzten Jahr hatte sie eine Operation gehabt, ein Knie wurde durch »irgendsowas Mechanisches« ersetzt. Manchmal war da die Angst vor einem Sturz, aber bisher war dieses schlimmste vorstellbare Übel noch nicht geschehen.

»Wobei, man glaubt es nicht, aber schlimmer geht immer. Und ich muss es ja wissen«, murmelte sie vor sich hin. Sie hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, mit sich selbst zu reden. »Da weiß ich wenigstens, an wem ich bin. Der Rest der Leut' sind alle falsch.«

Ihren Mann hatte sie schon vor 13 Jahren begraben, eines ihrer Kinder, den Fritz, auch. Die beiden anderen, die Marlene und die Jüngste, die Jane (die ihre Mutter für »diesen blöden Namen« innerlich verfluchte), statteten vierteljährliche Höflichkeitsbesuche bei Alfredia ab, und jedes Mal stand ihnen die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, dass die »Mutti« noch so »gut unterwegs« sei und dass man sie »noch lange nicht in ein Pflegeheim geben« müsse, was ja »ganz schön kosten« würde – und »woher auch das Geld nehmen« …

Jetzt war Alfredia auf dem Weg zum Supermarkt, um eine Tube Tomatenmark zu erstehen. Das Geld hielt sie genau abgezählt und fest in der geschlossenen Hand. Seit der 93-jährige Nachbar von »so jungen Leuten« überfallen, an die Wand gedrückt und seines Portemonnaies beraubt worden war (53,56 Euro einfach weg!), informierten sich alle älteren Leute im Voraus in den Prospekten über die Preise und gingen notfalls mehrmals, um nicht »zu große Summen auf die Straße zu schleppen«. »Nur das Nötigste mitnehmen, damit der Dieb den Schaden hat!«, wiederholte Alfredia wie ein Mantra.

War sie verbittert? »Natürlich«, hätte sie geantwortet, »wenn es das Schicksal nicht gut mit einem meint, hat man auch ein Recht dazu. Das Leben ist eine einzige kalte Dusche und ein Riesenreinfall noch dazu. Punkt.«

Da stand plötzlich eine kleine Gestalt vor ihr. Alfredia wollte ausweichen, doch ein kleines Mädchen versperrte ihr den Weg. »Hast du keine Erziehung?«, wollte sie dem »Fratzen« entgegenschleudern, aber als sie das Kind näher in Augenschein nahm, erschrak Alfredia auf das Heftigste.

Vor ihr stand – sie selbst.

Die kleine »Fredi«, in dem Kleid, das sie so liebte und das »in den Bombenwirren« für immer verloren geglaubt war.

Das Kind sagte: »Grüß dich Gott«, und wischte sich dabei eine – wie es seinerzeit hieß – »Rotzglocke« mit dem linken Ärmel ab, »fürchterlich alt bist du g'wordn! Nicht zum Anschau'n. Die rote Ausgeh-Perück'n schaut auch scheußlich aus an dir. Und überhaupt – so griesgrämig wie du hab' ich eigentlich nie werden wollen. Nie und nimmer! Ein bisschen bin ich schon enttäuscht von dir.« Und ebenso plötzlich wie das Kind erschienen war, tauchte es auch wieder in der Menschenmenge ab.

Alfredia stutzte für einen Augenblick, murmelte schließlich ein »Wo sie Recht hat, hat sie Recht.« – Und dann musste sie einfach lachen. Erst nur ein wenig, dann immer heftiger – und sie lachte ihr kehliges, bauchiges Lachen, das früher mal die Männer so erotisch gefunden hatten.

Sie lachte, und eine tiefe Zufriedenheit stieg in ihr auf, und niemals hat man auf der Mariahilferstraße in Wien wieder eine so alte, herzliche Frau gesehen, die ausgelassen tanzte und jeden, der ihr sympathisch war, von ganzem Herzen drückte, ob er es nun wollte oder nicht. Die Touristen fanden es immerhin einen Schnappschuss wert … Am Abend zumindest fiel Alfredia – das erste Mal seit vielen, vielen Jahren – glücklich und erschöpft in ihr Bett.

Und dass sie sogar das Tomatenmarkgeld in den Hut eines einbeinigen Bettlers geworfen hatte, ist vielleicht ein Hinweis darauf, dass sich in Alfredias Leben etwas verändert hatte.

Ein kluger Mensch hat mal gesagt: »Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.«

Ihr Thomas Birkmeir