Editorial zur Saison 2006/2007
Kilian war ein einfach toll. Gut aussehend, intelligent, bei allen beliebt. Er engagierte sich schon in frühen Jahren für den Weltfrieden und gegen die Umweltverschmutzung, hatte einen gleichaltrigen Brieffreund in Bangladesch und war Schwarm der Mädchen, dabei natürlich bester Kumpel der Jungs.
Seine Eltern waren vermögend, immer bedacht auf die so genannte »Entwicklung« ihres einzigen Kindes und taten alles für sein Gedeihen. Kilian freute sich auf das Leben – und das Leben dankte es ihm, indem es ihn in den Mittelpunkt stellte.
Mit einem Wort, Kilian war: perfekt. Eines derjenigen Kinder, deren Zähne bei jedem Lächeln funkelten und blitzten wie in der Fernsehwerbung.
Natürlich sollte jetzt das große »Aber« kommen – aber es gab keines …
Doch die »Fügung des Schicksals« wollte es, dass eines Tages – Kilian hatte gerade seine Hausaufgaben gemacht, den Eltern eine »Gute Nacht« gewünscht, sich die Zähne geputzt und sich schließlich schlafen gelegt – ein Elf auf seiner Schulter saß. Elfen sind eigenartige Geschöpfe, es gibt sie sowohl in Menschengröße, aber auch klein wie ein Daumen, und je kleiner sie sind, desto bösartiger sind sie.
Natürlich erschrak Kilian, aber der Elf lachte: »Tja, jetzt löse ich entweder ein lebenslängliches Trauma bei dir aus – oder du rufst um Hilfe …« Kilian war wirklich drauf und dran zu schreien, aber mitten im Luftholen für einen markerschütternden Schrei unterbrach ihn der Elf und sagte: »Hier, das ist für dich!« Seine Hand hielt ihm eine winzige Statuette entgegen. »Ein Geschenk!«, dachte Kilian. »Wie nett!«
Da Elfen die Gedanken der Menschen lesen können, antwortete der Elf, der übrigens Kiòlugálusìmsigùsitefftarotullála hieß, was kein Mensch sich merken kann – denn Elfennamen darf kein Mensch sich merken können, das ist ein Gesetz.
»Ja, du hast Recht, es ist: nett. Das Elfenkomitee überreicht jedes Menschenjahr dieses Ding einem Menschenkind. Wir nennen es: ›Racso‹«.
Kilian war hin und weg. Der »Racso« schien aus purem Gold zu sein, und auch wenn er sehr klein war, so freut sich doch jeder Mensch über ein wenig Anerkennung – zumal natürlich aus der Elfenwelt. Und immer will der Mensch sein Lob auch hören.
»Womit habe ich das verdient? Es gibt so viele in meinem Alter auf der Welt … Ich bin doch nichts Besonderes …«, fragte Kilian in besonderer Erwartung einer begeisterten Rede des Elfs, die all seine Vorzüge preisen sollte.
»Oh, das sieht das Elfenkomitee nicht so«, antwortete Kiòlugálusìmsigùsitefftarotullála, »du bist etwas Besonderes!« Kilian lächelte den Elfen mit seinem allerbesten Zähneblitzen an.
»Der ›Racso‹ wird verliehen für die ausdauerndste Langeweile, die ein Kind in einem Menschenjahr verströmt hat. Ich darf dir von meinem ganzen Elfenherzen gratulieren. Du bist das langweiligste Kind, das das Elfenkomitee im letzten Menschenjahr auf eurem Planeten gefunden hat.«
Der »Racso« fiel Kilian aus der Hand. »Das langweiligste Kind?«, fragte Kilian.
»Wesentlich langweiliger als ein tausendjähriger Stein«, antwortete Kiòlugálusìmsigùsitefftarotullála.
»Verschwinde!!!«, befahl Kilian wütend, und fast hätte er den Elf mit seiner Faust zerquetscht wie eine lästige Fliege.
»Was immer du mit mir anstellst, den Preis kriegst du nicht mehr los!«, röchelte der Elf, dessen Hals Kilian nun zwischen Zeigefinger und Daumen hielt. »Er klebt an dir wie Pech am Schwefel …«
Kilian ließ Kiòlugálusìmsigùsitefftarotullála los. Dieser röchelte hervor: »Freu dich doch! Du bist: artig, brav, gefällig, höflich, taktvoll, willig, zuvorkommend, eifrig, bemüht, emsig, nett, aufmerksam und ordentlich.«
Kilian ließ den Elf fallen, und dieser knallte unverhältnismäßig hart auf den Parkettboden. »Autsch!«
»All diese wichtigen Worte klingen aus deinem Elfenmund wie purer Hohn …«, versetzte Kilian.
Der Elf lächelte erschöpft: »Tun sie das? …«
»Ja. Ich will doch nur alles richtig machen. Und es freut mich, wenn man mich lobt. Aber langweilig – das will ich nicht sein!« Und tatsächlich kam jetzt ein verzweifelt-erstickter Schrei über Kilians Lippen.
»Alles richtig machen, kann ganz schön falsch sein«, antwortete Kiòlugálusìmsigùsitefftarotullála. Und verschwand nach Elfenmanier, indem er sich langsam von unten nach oben in Luft auflöste.
Der »Racso« lag auf dem Parkett. Kilian hob seinen goldenen Preis nachdenklich auf.
Später wurde aus dem »Racso« von einem begnadeten Zahntechniker eine schicke Füllung für Kilian gebastelt. Er hatte ein gutes Leben, denn seine Zahnfüllung, über die er in »Stresssituationen« mit seiner Zunge strich, erinnerte ihn, dass er nicht alles »richtig« machen musste – was ihn in eine verhältnismäßig entspannte Persönlichkeit verwandelte.
Das gesamte Elfenkomitee lacht übrigens noch heute herzhaft – vor Freude – über diesen Erfolg.
Liebes Publikum, damit Ihnen vom Elfenkomitee niemals ein »Racso« überreicht wird, wünsche ich Ihnen viel Freude und Vergnügen mit den Stücken unserer neuen Saison.
Herzlich
Thomas Birkmeir
Künstlerischer Direktor