Theater der Jugend – Wien


Editorial zur Saison 2004/2005

Nachdem er aus dem Radio aufgeschnappt hatte, dass in unseren Breitengraden ein ganz gewöhnlicher Siebenjähriger durchschnittlich hundertdreißig Mal pro Tag von Erwachsenen zurechtgewiesen wird, kam Otto ins Grübeln. Denn obwohl er mittlerweile auf die Neun zuging, klang es auch für seinen Fall gar nicht unplausibel, dass er im guten Durchschnitt mithalten könne. Schon beim Einatmen der Erwachsenen konnte man spüren, dass sich gleich ein »Lass das!« oder »Wie oft muss ich dir noch sagen...?« als Schallwelle der unangenehmen Sorte den Weg zum Trommelfell des direkten Empfängers bahnen würde. Und Letzterer war in neunundneunzig Prozent aller Fälle niemand anderer als er: Otto.

Dabei konnte er sich eigentlich gar nicht beschweren über sein Leben: In der Schule war er zwar nicht der Beste, aber sein Verhältnis zur Lehrerin war mehr als in Ordnung, manchmal brach sogar untrüglich ein Funke echt empfundener Zuneigung zwischen den beiden aus, und man hatte die unausgesprochene Vereinbarung getroffen, dass man sich irgendwie vermissen würde. Auch mit den Eltern lief alles wunderbar: Anders als unlängst bei seinem besten Freund Ludwig hatten seine Eltern noch nie seinen Geburtstag vergessen, die Geschenke waren meist üppig, und Torte mit Kerzen gab's an solchen Tagen bereits zum Frühstück. Einzig der ältere Bruder nervte seit einiger Zeit gewaltig. Otto hatte dies bisher dem Umstand zugeschrieben, dass Klaus dem komischen Bild eines Jungen aus seinem Biologiebuch immer ähnlicher sah und neuerdings auch begann, sich so zu benehmen wie man das dem merkwürdigen Jungen aus dem Biologiebuch zutrauen würde. – Für Otto eine mehr als bedenkliche Entwicklung, der er gerne etwas entgegengesetzt hätte, was allerdings daran scheiterte, dass das kommunikative Bedürfnis seines Bruders sich derzeit im maximal ein- bis zweisilbigen Bereich bewegte, bevor die Tür zu seinem Zimmer endgültig zuschnappte. Aber seitdem seine Mutter ihm den wertvollen Tipp gegeben hatte, dass das Bruderherz gerade in einer »sehr schwierigen Phase« sei, weil er pubertiere, verzichtete Otto darauf, mit Klaus auf Konfrontation zu gehen, sondern vertraute vielmehr dem mütterlichen Rat, das würde bald vorbei gehen.

Dennoch, das mit den Ermahnungen beschäftigte ihn nachhaltig, und so schwor er sich, ohne dass die Erwachsenen etwas mitbekommen sollten, am nächsten Tag eine Strichliste anzulegen. Jedes Mal, wenn es einen dezenten, aber unmissverständlichen Hinweis hagelte, dies oder jenes zu unterlassen: dann sollte es einen Strich auf der verborgenen Liste geben – das war sein Plan, und wer weiß, vielleicht konnte er die Liste ja mal gebrauchen. Unglückseligerweise war an einem dieser Tage ein Besuch bei Tante Anna und Onkel Otto (Letzterem verdankte er zu allem Überfluss auch noch seinen Namen) angesagt, die ein großes Bedürfnis nach »gepflegter Lebens- und Wohnkultur« hatten, ein Bedürfnis, das nach deren Verständnis mit dem Begriff »Kinder« so gar nicht kompatibel erschien. Insofern waren Ottos ursprüngliche Skrupel, seine Verwandten seien ein »Worst Case«-Szenario, das seine Statistik gar sehr zu Ungunsten der Erwachsenen verfälschen könnte, schnell über Bord geworfen. Seine Liste sollte doch ein Denkzettel für alle unermüdlichen Mahner sein!

Und tatsächlich: bereits nach drei Tagen war das weiße Blatt, das er regelmäßig aus seiner Hosentasche zog, wenn es wieder unangenehm nach »Hör auf damit!« roch, zum Bersten voll. Kein Platz mehr! Nur drei Tage und fast dreihundert Striche! Damit war der Beweis erbracht: Otto lebte in einem Umfeld, das es mit dem statistischen Durchschnitt aufnehmen konnte! Was tun mit dieser Erkenntnis? Da Otto das heimliche Gefühl verspürte, etwas wirklich Großes gegen die Erwachsenenwelt in der Hand zu haben, erschien es ihm als zu einfach, seine Eltern mit den »Hard Facts« zu konfrontieren. Er wartete auf die ultimative Gelegenheit.

Nun, um es vorwegzunehmen: Diese Gelegenheit fand sich nie. Otto hat seine geheime Waffe zwar nie vergessen, aber einen wirklichen Anlass für eine richtige »Heimzahlaktion« boten ihm die Erwachsenen nicht. Denn auch weiterhin hatten die Eltern ein Gespür dafür, jene Dinge, die für Otto wirklich wichtig waren, zu beachten. Auch weiterhin wurde kein Geburtstag vergessen, und selbst Klaus arbeitete langsam aber stetig an sich und wurde nach einiger Zeit mit der Erkenntnis beschenkt, dass die Sprache zwar zu Recht als die »Mutter aller Missverständnisse« bezeichnet werden darf, dass man dennoch ihren bereichernden Wert für das zwischenmenschliche Zusammenleben nicht unterschätzen sollte.

Otto hingegen fand sich ab: Sein Trommelfell entwickelte langsam, aber sicher eine Hornhaut gegen die hundert Ermahnungen am Tag. Und er wuchs in der Gewissheit auf, dass Kinder und Erwachsene in manchen Dingen nie zusammenfinden würden. Das einzige, was ihn noch erstaunte, – denn auch das hatte er aus dem Radio aufgeschnappt – war, dass die Großen immer noch an dem unerschütterlichen Glauben festhielten, ihre Kinder würden es einmal besser machen als sie selbst...

Genau hier, liebes Publikum, wollen wir mit unserer Arbeit ansetzen. Wir möchten Otto beweisen, dass der Dialog zwischen den Generationen doch möglich ist.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viele schöne Theatererlebnisse in der neuen Spielzeit!

Ihr Thomas Birkmeir
Künstlerischer Direktor