Editorial zur Saison 2003/2004
Der kleine pummelige Junge war einfach vom Schulsportplatz losgerannt, immer weiter und weiter, erst jetzt kam er langsam durch ein heftiges Stechen in seiner Seite zu sich. Ein paar Tränen kullerten über seine Pausbacken, doch er wischte sie energisch weg.
»Einer wie du ist ja nicht einmal als Ersatzspieler zu gebrauchen! Verschwinde endlich!«, tönte es dem kleinen pummeligen Jungen immer noch Hohn lachend in den Ohren. Schon seit längerer Zeit machte es seinen Klassenkameraden Spaß, auf ihm herumzuhacken. Neulich hatten sie ihn in seinen eigenen Schulspind hineingequetscht, den Schlüssel abgezogen, und erst die radebrechende kroatische Raumpflegerin konnte ihn zusammen mit dem polnischen Hausmeister und einem deutschen Stemmeisen befreien.
Entmutigt setzte der kleine Junge sich nun auf den Randstein. »Nie mehr gehe ich nach Hause und in die Schule schon gar nicht!«, seufzte er in Gedanken. »Und was willst du statt dessen tun, Maximilian?«, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich, und eine Hand legte sich sanft auf seine Schulter. Der Junge sprang auf und drehte sich entsetzt um. Erst jetzt wurde ihm gewahr, dass er sich in einer menschenleeren dunklen Sackgasse befand, die er nicht kannte. Vor ihm stand ein kleiner älterer Herr mit Clark-Gable Bärtchen, blitzblank geputzten schwarz glänzenden Schuhen und dem verschmitzten Lächeln eines gewitzten Spielers. »Wieso kannst du meine Gedanken lesen? Woher kennst du meinen Namen? Wer bist du?«, fragte der Junge erschrocken. »Mein Name ist Sammy«, sagte der Mann, »aber gute Freunde nennen mich einfach nur: Gott.« »Ich glaube dir kein Wort!«, Maximilian wollte gehen, aber dann kam ihm ein Gedanke: »Beweis es mir!« – »Ich habe schon lange aufgehört, mich selbst zu beweisen... das führt zu nichts... «, schmunzelte der Mann. »Wenn du Gott bist«, insistierte Maximilian, »dann mach, dass ich kein Außenseiter mehr bin.« »Was ist denn so Besonderes an dir, dass du ein Außenseiter bist?«, fragte Maximilians Gegenüber. »An mir ist gar nichts Besonderes, deshalb bin ich doch ein Außenseiter! Ich bin dick und...« »...und du bist nicht gerade gut aussehend und mit übermäßiger Intelligenz bist du auch nicht gesegnet«, nahm ihm der Herr die Worte aus dem Mund, »aber leider kann ich da nichts tun, denn so habe ich dich nun mal geschaffen...« »Was hast du dir dabei gedacht? Das ist ungerecht! Ich will ein guter Sportler sein und in jedem Fach eine Eins haben, beliebt sein, gesunde Zähne ohne Karies haben...« »Und wie wär's mit Unsterblichkeit, Allwissenheit und einem roten Maserati?« »Von mir aus, später einmal«, entgegnete der Junge hoffnungsfroh. »Hm«, murmelte der Mann, strich Maximilian zärtlich über das Haupt, lächelte wie einer, der ein Spiel gewonnen wähnt, drehte sich um und ging. »Du kannst jetzt nicht einfach weggehen, du musst mir zumindest eine Weisheit sagen, eine Moral oder so was! Das kann man wohl doch von Gott erwarten.« Gott drehte sich um, sein Clark-Gable Bärtchen hüpfte in seinem Gesicht auf und ab, weil er lachte. »Ich könnte jetzt sagen, wer jemand anders werden will, hat keine Chance, er selbst zu werden... Aber das fände ich ziemlich abgeschmackt und unerträglich weise. Also sage ich besser nichts.« Und der Mann entschwand in einer flammenden Wolkensäule.
Um es kurz zu machen: Maximilian hatte ein ziemlich gutes Leben. Aus dem pummeligen hässlichen Jungen wurde ein gut aussehender Jugendlicher, ein sehr erfolgreicher Erwachsener, mit Dreißig fuhr er tatsächlich einen Maserati, mit fünfunddreißig heiratete er, die Ehe war glücklich, zwei Kinder – selbstverständlich ein Mädchen und ein Junge. Mit vierzig saß Maximilian im Vorstand mehrerer Konzerne, er hatte gelernt, was es bedeutete »über Leichen zu gehen«, denn er wollte nie mehr der kleine pummelige Junge sein, dem vor Verzweiflung Tränen über die Wangen laufen. Als er schließlich im Kreise seiner Lieben seinen siebzigsten Geburtstag feierte, konnte er beruhigt feststellen, dass er ganz oben war, dass er es geschafft hatte.
Nur manchmal erinnerte er sich noch an die merkwürdige Begegnung mit dem seltsamen Mann und dachte bei sich: »Was die kindliche Phantasie doch für Kapriolen schlägt!« Und er schmunzelte vor dem Kaminfeuer im Kreise seiner Enkel zufrieden vor sich hin.
Doch dann musste schließlich die Stunde des Todes kommen... Es war eine ganz gewöhnliche blödsinnige Muschelvergiftung. Natürlich zog das ganze Leben an ihm vorbei, natürlich sah er das Licht am Ende des Tunnels und sich im Operationssaal über sich selbst schweben. Der übliche Lauf der Dinge eben.
Im Jenseits angelangt und die beschwerliche Odyssee mit der jahrtausendealten Engelsbeamtenschaft hinter sich, stand er plötzlich vor Gott, der von Cherubim und Seraphim umtost wurde. Gott trug nun einen weißen Bart und sah genau so aus wie auf dem berühmten Gemälde von Michelangelo. »Was für ein Klischee von einem Gott!«, dachte Maximilian noch bei sich, da entgegnete der Allmächtige ihm: »Was für ein Klischee von einem Menschen!«, und verwandelte sich in den kleinen Mann mit Clark-Gable Bärtchen und den blankgeputzten Schuhen. »Ich habe mir gedacht, ich erscheine dir mal mit dem ganzen Brimborium, denn ein Mensch, der so gelebt hat wie du, erwartet ja wohl nichts anderes.« – »Ich habe was aus meinem Leben gemacht!«, schmetterte Maximilian Gott selbstbewusst entgegen. »Ja, das hast du. Du warst sehr erfolgreich und hast ein großartig durchschnittliches Leben gelebt.«
»Mein Leben war einzigartig«, entgegnete Maximilian empört, »du hast kein Recht darüber zu bestimmen!« »Das stimmt, ich habe kein Recht«, sagte Gott, »irgendwann mal hast du gedacht, du seist ein Außenseiter, aber du hast dich angepasst und dein Leben verlief wirklich vorbildlich. Deshalb belohne ich dich mit Wolke sieben.« – »Wolke sieben?«, fragte Maximilian, da entschwand Gott bereits wieder in einer flammenden Säule, unterwegs zu einer neuen Tat.
Wolke sieben war eine sehr geräumige Wolke, auf der sich der Großteil der Menschheit tummelte. Sie erzählten sich, was sie alle Tolles geleistet hatten und langweilten einander in ihrer Glückseligkeit – bis in alle Ewigkeit.
Keep individual und tauchen Sie ein in unsere neuen Abenteuer für Kinder – und solche, die es werden wollen!
Ihr Thomas Birkmeir
Künstlerischer Direktor