Editorial zur Saison 2002/2003
»Du bist sicher ziemlich überrascht, dass ich dir erscheine!«, sagte die Fee erwartungsvoll zu dem kleinen Jungen, der tatsächlich etwas ratlos war, hatte er doch den Glauben an Fabelwesen wie Zwerge, Riesen, Hexen und vor allem Feen schon seit Jahren hinter sich gelassen. Natürlich wollte er vor dieser Frau in seinem Schlafzimmer seine Unsicherheit nicht eingestehen und nahm sich deshalb vor, der Fee gegenüber möglichst cool aufzutreten.
»Wenn du wirklich eine Fee bist, habe ich doch bestimmt drei Wünsche frei!«, forderte der Junge und stützte sich dabei betont lässig mit seinem Ellbogen auf das Regalbrett einer bekannten skandinavischen Firma. Das Zimmer war nun ganz von dem irrlichternden Glanz der Fee erfüllt, und ein leises Klingeln von Silberglöcklein war zu vernehmen. »Na ja«, sagte verlegen die Fee und warf ihr güldenes Haar so heftig in den Nacken, dass glitzernder Sternenstaub ihr Haupt umwirbelte, »ich bin leider nur eine Fee Dritter Klasse, das heißt, ich kann dir nur einen Wunsch erfüllen...«
Aus dem Wohnzimmer nebenan kreischten tausende Vögel – die Eltern des Jungen waren Hitchcock-Fans, und auf dem Kunstkanal gab es eine Retrospektive mit den Filmen des Altmeisters.
»Ein Wunsch ist besser als keiner«, dachte der Junge flink bei sich und überlegte. Er blickte in seinem Zimmer umher – eigentlich hatte er alles, was er wollte: Skateboard, Roller, Computer, Playstation, eigenes TV-Gerät samt Videorecorder und einen Schrank voller Markenkleidung. Mit dem Taschengeld war locker auszukommen, das Freizeitangebot der Stadt stimmte, nur den Mathenachhilfelehrer wünschte er manchmal zum Teufel – aber weshalb sollte er an den einen Wunsch verschwenden?
»Du musst dich entscheiden!«, mahnte die Fee nach einer Weile ungeduldig, und erst jetzt fiel dem Jungen auf, dass sie tatsächlich etwa fünfzehn bis zwanzig Zentimeter über dem Teppichboden schwebte. »Hm«, grübelte der Junge, »ich könnte mir die Fähigkeit zu fliegen wünschen – aber dann würden sich womöglich die Medien auf mich stürzen, und ich hätte keine ruhige Minute mehr... Oder Genialität vielleicht, unumschränkte Macht... grenzenlosen Reichtum... ewige Gesundheit – ewiges Leben?... Unwiderstehliche Anziehungskraft auf Frauen... die Fähigkeit, die Welt zu retten... oder wenigstens die Umwelt... die Möglichkeit in der Zeit zu reisen... meine Gestalt nach Belieben zu verändern... Unsichtbarkeit... Abschaffung der Arbeitslosigkeit... Voraussicht der Aktienmärkte – oder – vielleicht einen Body wie Brad Pitt auf Lebenszeit...?« Im Kopf des Jungen wirbelte und taumelte es...
»Deine Zeit läuft ab«, mahnte die Fee abermals, und der Junge sah, dass der bestrickende Glanz um sie tatsächlich bereits
etwas verblasste. »Verdammt!«, entkam es dem verzweifelten Jungen unversehens, »Ich kann mich nicht entscheiden?« Nervös ging er in seinem Zimmer auf und ab, so dass die Fee ihm einige Male ausweichen musste, um nicht mit ihm zusammenzustoßen. »Es wird doch etwas geben, was ich mir am allermeisten wünsche, etwas, das ich unbedingt haben will!«
Gespenstisch drang aus dem Wohnzimmer das sirrende Flattern von Vogelschwingen, dramaturgisch verfeinert durch die gellenden Verzweiflungsrufe einer Frau in Todesangst. »Wie soll man sich da konzentrieren!«, schrie der Junge in das Wohnzimmer seiner Eltern, die sofort das Fernsehgerät etwas leiser stellten, denn sie waren daran gewöhnt, ihrem einzigen Kinde jeden Wunsch zu erfüllen...
»Ich wünsche mir... ich will... ich möchte...«, stammelte der Junge nun atemlos, aber er brachte es einfach nicht fertig einen klaren Gedanken zu fassen. »Es tut mir so leid, aber ich muss dich nun verlassen«, sprach die Fee traurig lächelnd, so dass ihre weißen Zähne im Mondschein blitzten. »Nein!«, rief der Junge ihr seelenwund nach. Doch die Fee schwebte bereits zum Fenster hin und verschwand mit einem leisen Plopp – so wie wenn man eine Champagnerflasche öffnet.
Aus dem Wohnzimmer tönte lärmend der Abspann. Traurig rieb der Junge sich die Augen, bereute zutiefst, dass er nicht besser auf eine Feenerscheinung vorbereitet gewesen war und schwor sich, dieser Fehler werde ihm in Zukunft nicht mehr passieren.
Damit Sie und Ihre Kinder für das Unerwartete immer gewappnet sind – viel Spaß mit den Geschichten unserer ersten Saison!
Ihr Thomas Birkmeir
Künstlerischer Direktor