Liebes Publikum
Desideria war fix und fertig. Den ganzen Tag war sie wieder unterwegs gewesen, um irgendwelche Wünsche zu erfüllen. »Es ist ein Fluch«, stieß sie hervor, schlug ein wenig mit ihren kleinen schmerzenden Libellenflügelchen und blickte kummervoll auf ihre Liste, auf der erfreulicherweise nur noch ein Name stand: Albert.
Desideria war eine sehr alte Fee, nach Menschenalter gerechnet unglaubliche 3.000 Jahre alt, und obwohl ihr Haar immer noch geschmeidig und ihre Haut samtig war wie zur Zeit der Pharaonen, – denn wie man weiß, bleibt Feen ihre Jugend ewig erhalten – hatte ihr einstiger Idealismus einigermaßen gelitten. Wie aufregend war es damals gewesen, der kleinen Cleopatra ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen: eine echte lebendige Schlange! Oder dem kleinen Alexander sein erstes richtiges scharfes Schwert herbeizuzaubern! Wie fabelhaft war es, verschiedene Zeitalter vorbeifliegen zu sehen und zu wissen, man hatte sie irgendwie mitgeprägt.
Desideria seufzte, denn seit Jahren musste sie nichts anderes mehr als Gameboys und Computerspiele aus ihrem goldenen Füllhorn hervorzaubern. »Vermutlich ist auch dieser Albert so ein Wohlstandsfratz ohne einen Funken Phantasie«, dachte sie und atmete tief durch, um sich auf das »Erscheinen « vorzubereiten, das energetisch gesehen immer sehr viel Kraft kostete.
Nach wenigen Augenblicken also schwebte sie in Alberts Kinderzimmer. Sie setzte ihr liebreizendstes Lächeln auf und wollte sich gerade vorstellen, als Albert ihr ins Wort fiel.
»Ich nehme an, du bist ’ne Fee.«
»Bist du nicht überrascht mich zu sehen?«, fragte Desideria mit sanfter Stimme. »Die meisten Kinder sind …«, doch schon wieder wurde sie von Albert unterbrochen.
»… ist ja unschwer zu erraten: die Stummelflügelchen, das gekünstelte Grinsen und dann dieser billige Zauberstab mit den falschen Diamanten.«
»Das sind keine falschen Diaman…«
»… is’ ja egal. Kommen wir zur Sache. Ich hab’ ein Computerspiel laufen. – Also, wie viele Wünsche hab’ ich frei?«, fragte Albert und bohrte unverhohlen in der Nase.
»Einen einzigen«, antwortete die Fee kühl. »Aber komme nicht auf die Idee, dir zu wünschen, dass du unzählige Wünsche frei hast. So schlau wollten schon viele sein, aber es gilt nicht. – Was dagegen, wenn ich mich setze? Schweben ist auf die Dauer nämlich ungeheuer anstrengend.«
Da Albert nur gleichgültig mit den Achseln zuckte, interpretierte die erschöpfte Desideria dies notgedrungen als eine Einladung sich niederzulassen. Am liebsten hätte sie diesen Jungen in eine Kröte oder irgendein Ungeziefer verwandelt – doch der Feenkodex gebot, dass der »Wünschling« außer jeder Kritik stand und jeder Wunsch zu erfüllen sei.
»Eigentlich habe ich alles, was ich brauche«, versetzte Albert. »Außerdem bin ich intelligent, talentiert, und meine Mutti sagt, ich bin der hübscheste Junge der Welt.«
Desideria seufzte und dachte, dass es sich bei Albert wohl um das unsympathischeste Kind handelte, dem sie jemals begegnet war. Selbst der kleine Hunne Attila hatte ein einnehmenderes Wesen gehabt, obwohl der sich ein ganzes Weltreich wünschte.
»Jetzt weiß ich’s!«, rief Albert aus und in seinen Augen funkelte es gefährlich. »Ich wünsche mir, dass du keine Wünsche mehr erfüllen kannst.«
Desideria erschrak zu Tode.
»Das ist nicht dein Ernst!«, stieß sie tonlos hervor. »Was soll denn dann aus mir werden, wenn ich keine Fee mehr bin?«
»Genau das will ich herausfinden«, lächelte Albert. Und kaum hatte er zu Ende gesprochen, zerbarst der Zauberstab in tausend Stücke, die Feenflügelchen fielen von Desideria ab und lösten sich vor ihren Augen in Staub auf und das Füllhorn, aus dem so viele Wünsche ausgeschüttet worden waren, verschwand einfach, als hätte es nie existiert.
Desideria war nun kein Wesen aus dem Reich der Phantasie mehr, sondern eine ganz gewöhnliche Sterbliche. Wortlos sah sie Albert an.
»Nicht gerade spektakulär«, murmelte dieser. »Ich muss jetzt wieder zu meinem Computerspiel. War nett, deine Bekanntschaft gemacht zu haben. Tschüss.«
Desideria ging in die Nacht hinaus. Die erste Zeit nach diesem Vorfall war nicht einfach. Papiere, Job, Wohnungssuche … Die Regeln menschlichen Zusammenlebens waren schwer zu erlernen. Doch da ihr glücklicherweise ihre Schönheit geblieben war, fand sie schnell einen gut aussehenden Mann, mit dem sie drei entzückende Kinder hatte. Diesen erzählte sie jeden Abend Feengeschichten, von denen sie – zum Erstaunen aller – einen schier unerschöpflichen Vorrat zu haben schien. Denn eines war ihr wichtig: Ihre Kinder sollten nie den Glauben an die Kraft der Phantasie verlieren, weil nur so das Leben voller Zauber ist.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen viel Spaß mit den Stücken der kommenden Saison.
Ihr Thomas Birkmeir