Sprungnavigation:
  • Renaissancetheater Renaissancetheater
  • Theater im Zentrum Theater im Zentrum
  • Spielzeit 2011/12 Spielzeit 2011/12
  • Chatroom Chatroom
 

Editorial

Editorial

Wenn man den Wissenschaftlern Glauben schenken darf, dann liegen zwischen dem Erscheinen der ersten Hochkulturen der Menschheit und dem Heute nur etwa 230 Generationen.
In vergleichsweise knappen 6500 Jahren haben wir es von einfachen Bewässerungsgräben und groben Werkzeugen zur Mondlandung, der Erfindung des Computers und medizinischen Höchstleistungen gebracht. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht eine Generation der nächsten ihr Wissen, ihr »Know How« vermittelt hätte, wenn die »Altvorderen« nicht vom Wunsch getrieben worden wären, dass ihre Kinder es einmal besser haben sollen.
Wir leben in einer hochtechnisierten Welt, haben eine InfotainmentGesellschaft kreiert und sind vermutlich die erste Generation, die beobachten kann, wie vieles von dem einst erworbenen Wissen innerhalb weniger Jahrzehnte mehrmals museumsreif wird.
Wie ist man diesen Herausforderungen als Mensch gewachsen? Können wir mit der technischen und wissenschaftlichen Entwicklung Schritt halten? Denn weder Fremdenhass, Hunger, Krieg etc. sind von diesem Erdball verschwunden, noch scheint sich die Gesellschaft ethisch wesentlich weiter entwickelt zu haben. Stimmt es tatsächlich, dass der Mensch »dem Menschen ein Wolf« ist, wie der Komödiendichter Plautus vor mehr als zwei Jahrtausenden feststellte? – Offensichtlich hat keine Generation der nächsten beibringen können, wie man »besser«, friedfertiger miteinander umgeht …
Andererseits scheint im Menschen die Sehnsucht nach Gemeinschaft, Freiheit und Frieden ebenso verankert zu sein. Sie hat in jüngster Zeit zu politischen Umwälzungen geführt, die wohl kaum jemand vorausgesehen hatte. Der Wille zur Demokratie, zur freien Wahl und zur Mündigkeit des Bürgers stand und steht hier – nach oft jahrzehntelanger Unterdrückung – offensichtlich im Vordergrund. Doch wir mussten durch eine lange Zeit der Kriege, des Elends und der menschenverachtenden Intoleranz gehen, bevor unsere Ahnen sagen konnten: »Nie wieder!« – und die Grundgerüste bauten für ein demokratisches, rechtsstaatliches Miteinander. Die Gedanken der Humanität und der Solidarität wurden in den Gesetzbüchern höher bewertet als die der Nationalstaatlichkeit und des regionalen Eigeninteresses. Spekulativer Populismus lässt diese Werte nur allzu leichtfertig wieder vergessen machen. Es ist Auftrag der Kultur, sich gegen diese Entwicklung zu stellen und wie immer geartete Rückschritte zu benennen.
»Alles, was wir an unseren Kindern ändern wollen, sollten wir zunächst wohl aufmerksam prüfen, ob es nicht etwas sei, was besser an uns zu ändern wäre«, schrieb C. G. Jung im Jahr 1932 in seinem Aufsatz »Vom Werden der Persönlichkeit«. Was ein Satz! Denn er ruft dazu auf, nicht Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit zu erstarren, sondern vielmehr durch das eigene Leben Vorbild zu sein.
Genau hier muss Theater ansetzen: Es kann spannende und berührende Geschichten erzählen, die vom Mensch sein handeln. Oft sind es Ausflüge in fantastische Welten, die uns den Blick frei machen auf die Zusammenhänge in unserem eigenen Leben.
Mit den Themen für die kommende Saison versuchen wir erneut Beispiele geben für die Freiheit des Gedankens, Mündigkeit des Einzelnen und die Solidarität mit den Schwachen in unserer Gesellschaft. Denn die Figuren und Helden, die uns begegnen werden, ob Alice oder Gerda Kai, Odysseus, Telemach oder all die anderen, haben eines gemeinsam: Sie beugen sich nicht vor Ungerechtigkeit, sie wachsam gegenüber gefährlichen Verführern und selbsternannten Tyrannen, und sie vergessen eines nie: ihre Menschlichkeit.
Wir freuen uns, Sie wieder in unseren Theatern begrüßen zu dürfen.

Ihr
Thomas Birkmeir


Thomas Birkmeir

Thomas Birkmeir