Liebes Publikum
In der vergangenen Saison haben Sie uns einen freudigen Schock versetzt! Nachdem schon in den letzten Jahren ein stetiger Zuwachs der Kartenverkäufe und Abonnementbestellungen merkbar war, durften wir – dank Ihrer Hilfe – im letzten Jahr einen Anstieg der theatereigenen Abos um sage und schreibe 15% verzeichnen. Das Theater der Jugend hat somit über 42.000 Abonnenten – und ist also nicht nur das »größte« Theater für Kinder und Jugendliche vermutlich der Welt, sondern sucht auch im Erwachsenenbereich seinesgleichen.
Wir werten das Vertrauen Ihrerseits natürlich als ein Zeichen der Zufriedenheit mit unserem Programm und hoffen, dass wir auch mit der neuen Saison Ihre Neugierde und Ihre Lust am Zuschauen wecken können.
Der große Theatermann Max Reinhardt sagte einmal: »Theater ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen.«
Seit Jahrtausenden erzählen sich die Menschen Geschichten in unterschiedlichster Form, und vermutlich fanden erste spielerische Formen schon am steinzeitlichen Lagerfeuer statt. Die Lust am Erzählen bzw. am Zuhören hatte wohl immer schon auch praktischen Lebensbezug. Ob es um Belange der Jagd ging, ob darum, die furchterregenden Blitze am Himmel zu interpretieren, das Wunder der Liebe oder das Wesen des Todes zu ergründen: Immer versuchte der Mensch, seine aktuellen Lebensumstände durch Geschichten zu interpretieren. Diese Fähigkeit der Daseinsbewältigung, nämlich die Kommunikation durch Phantasie, ist es, neben anderem, die unsere Spezies so einzigartig macht.
Und das ist es, was wir uns am Theater der Jugend immer wieder zum Ziel setzen. Jungen Menschen Angebote präsentieren zur Problemlösung; Mut zu machen, die eigenen Lebensumstände in die Hand zu nehmen; und durch unsere Stücke nicht so sehr Fragen zu beantworten als sie zu stellen. Wir brauchen Geschichten, um das Leben zu verstehen. Einer der größten Erzähler der Gegenwart, Salman Rushdie, bekennt sich in »Des Mauren letzter Seufzer« folgendermaßen zu seiner Kunst:
»Letztlich sind es Geschichten, die von uns bleiben, und wir sind nicht mehr als die paar Erzählungen, welche die Zeit überdauern. Und in den besten dieser alten Erzählungen, jenen, nach denen wir immer und immer wieder verlangen, gibt es Liebende, gewiss, aber die Teile, für die wir uns wirklich interessieren, sind die, in denen den Liebenden Steine in den Weg gelegt werden. Vergiftete Äpfel, verzauberte Spindeln, eine schwarze Königin, eine böse Hexe, ein kinderstehlender Gnom – das ist es, was wir hören wollen.«
Schon das kleinste Kind begreift, dass das Leben viele Widerstände bietet, Gefahren und unvorhersehbare Zufälle birgt. Und ob es nun Märchen, Sagen oder Mythen sind, sie alle geben uns das »Handwerkszeug«, uns diesen Unwägbarkeiten zu stellen, uns durch ihre beispielgebende Kraft »zum Helden unseres eigenen Lebens« aufzuschwingen. Sie ermuntern uns, eigensinnig und nicht fremdbestimmt das Dasein in die Hände zu nehmen, sie können uns trösten in verzweifelten Momenten und im Denken unterstützen in vermeintlich ausweglosen Situationen. Sie verhelfen uns zur Mündigkeit.
Den Mund aufmachen. Das ist die Wurzel des Wortes Mündigkeit. Der mündige Bürger aber hat es schwer, denn nicht seine Mündigkeit ist für viele Machthabende interessant, sondern seine Verführbarkeit, man denke beispielsweise nur an die Werbeinteressen der Industrie oder an die ausgrenzenden und volksverhetzenden Plakate mancher politischer Parteien. Wir müssen uns immer wieder fragen, ob unsere Institutionen genug daran interessiert sind, mündige Bürger zu formen, ob das Erziehungsresultat sein soll: der kritische, weil mündige Bürger.
Duckmäusertum kann schon im Kindesalter angelegt und gefördert werden – oder eben nicht. Wir können Hilfestellungen leisten, ob in der Familie, in der Schule – oder eben im Theater.
Was also kann es Sinnvolleres geben, als Theater mit dem sogenannten »wahren Leben« zu einer neuen Lebenserfahrung zu führen? Hier werden Türen aufgestoßen vom künstlerischen Moment zur aktiven Lebenshilfe; und das soll Theater – nach unserem Verständnis – immer können.
Denn was wir in zukünftige Generationen investieren, ob es nun Aufmerksamkeit, Liebe oder auch Geld für die Bildung ist, das bekommen wir irgendwann zurück. Sollten wir diese Themen vernachlässigen, im weitesten Sinne das »Wertebewusstsein unserer verletzbaren demokratischen Kultur«, dann werden wir auch die Früchte dieser Versäumnisse ernten und dafür verantwortlich zeichnen müssen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß und Muße, in unserem neuen Angebot zu blättern, und vielleicht können Sie sich erneut so für das Programm begeistern, wie Sie es in den vergangenen Jahren getan haben.
Ihr Thomas Birkmeir