Theater der Jugend – Wien


Theater im Zentrum | 27. und 28. November 2007

75 Jahre TdJ

Theater der Jugend. Neue Wege
Festsymposion anlässlich des 75-jährigen Jubiläums

Presseberichte

Rathauskorrespondenz – 13. November 2008

Buch »Neue Wege« bilanziert über 75 Jahre Theater der Jugend

In beinahe fünfzehn, in zeitlicher Chronologie aufeinander folgenden Einzelbeiträgen, beleuchtet das zum 75-jährigen Jubiläum vom Theater der Jugend herausgegebene Buch "Neue Wege" die lange und oftmals widersprüchliche Geschichte des größten europäischen Kinder- und Jugendtheaters. Zu dieser Thematik hatte man im November 2007 auch zu einem Festsymposium anlässlich des Jubiläums geladen. Der Buchtitel »Neue Wege« steht für den Titel des ursprünglichen Vereins- und Mitteilungsblattes, das im Jahr 1948 bereits den Umfang einer Zeitschrift gefunden hatte und ab diesem Zeitpunkt unter dem Namen "Neue Wege. Kulturzeitschrift für junge Menschen" publiziert wurde.

Die meisten Beiträge des Buches beschäftigen sich mit einem bestimmten zeitlichen Abschnitt der 75-jährigen Geschichte oder mit der Ära eines einzelnen, künstlerischen Leiters. Ein Beitrag ist den »Neuen Wegen« selbst als einem zentralen, literarischen Organ der Nachkriegszeit gewidmet, während ein anderer das selbst- und fremdbestimmte Bild von Jugend nach 1945 zu zeichnen versucht. Das Buch enthält weiters eine Beleuchtung der theaterpädagogischen Praxis in der Handhabung des Theaters der Jugend sowie abschließende Diskussionsbeiträge von Autoren, IntendantInnen und KritikerInnen.

Ideologische Konzepte stets umstritten

Seit der Gründung des Vereins "Theater der Schulen" im Jahr 1932 durch den Realschuldirektor Hans Zwanzger und den Schauspieler Stefan Wagner, die mit ihrer Idee der Wiener Schuljugend den ungehinderten Zugang zu "künstlerisch und literarisch vollwertigen Theateraufführungen zu billigen Preisen" eröffnen wollten, waren Spielplan und künstlerische Ausrichtung des Theaters oft Inhalt politischer und ideologischer Kritik bzw. Anfeindung. Man wolle politischen Tendenzen fernstehen und verfolge keine dementsprechenden Intentionen, ließen Zwanzger und Wagner anfangs verlauten, aber die einzelnen Aufführungen und das Bemühen um Subventionen sprachen eine andere Sprache. So wurde das Theater bald unter die fachmännische »Aufsicht« des Unterrichtsministeriums und sogenannter »Schulmänner« gestellt. Bald wurde es Teil der austrofaschistischen Kulturpolitik und damit kam es auch zu ersten personellen und inhaltlichen Ausgrenzungen.

Neue Wege nach 1945

Nach 1945 war man vor allem um eine neue Motivation der Jugend bemüht, dies zeigte sich im bemüht bildungspolitischen Auftrag des Theaters der Jugend, dem sich Veronika Zangl und Gerald M. Bauer in ihren Beiträgen stellen. Anschließend folgt ein Blick auf die Ära des künstlerischen Leiters Edwin Zbonek, der auch für die Gründung der Viennale verantwortlich zeichnet, und das Theater der Jugend vor allem mit zeitgenössischen Werken moderner AutorInnen bespielt sehen wollte. Nach einem auffälligen Besucherschwund in den beginnenden 80er Jahren, nahm sich Kulturstadtrat Zilk der Theaterinstitution an. Der folgende Reformversuch sah vor allem eine stärkere Beteiligung der Eltern und die Einberufung eines Pädagogischen Beirats vor. Mit der Ära Urbach ging das Theater der Jugend unter dem ehemaligen Chefdramaturgen des Burgtheaters ganz neue und eigenständige Wege, die zu großem Erfolg führten. Die Einbindung neuer Gegenwartsautoren, die Adaptionen beliebter Kinderliteratur und die Wiederaufnahme bekannter Klassiker vermochten die jungen ZuschauerInnen genauso wie Eltern die Pädagogen zu begeistern. Dass Theater der Jugend war zu einer Wiener Institution geworden, das im unter Urbach umgebauten Renaissancetheater in der Neubaugasse und im Theater im Zentrum in der Liliengasse seinen festen Platz in der städtischen Kulturlandschaft gefunden hatte. So ließ Urbach in einem Ö1-Interview im Jahre 1994 verlauten: »Ich habe zwei Wünsche: Dass die Kinder, wenn sie jetzt ins Theater kommen, immer eine gute Vorstellung sehen und der zweite Wunsch wäre, dass wenn nach der Jahrtausendwende in Wien die Theater voll sind, man es darauf zurückführen kann, dass die Zuschauer im Theater der Jugend eine Schule des Sehens erlebt haben.«

Wiener Zeitung – 30. November 2007

Theater der Jugend ist mehr als Theater für die Jugend

Symposion und Feier zu 75 Jahren Theater der Jugend.

Im Rathaus begannen die Feiern zum 75-Jahr-Jubiläum des Theaters der Jugend, bei einem Nobelheurigen in Grinzing fanden sie ihren Ausklang. Dazwischen lagen zwei Tage mit Vorträgen und Diskussionen.

Im Theater im Zentrum fand das Festsymposium »Neue Wege – 75 Jahre Theater der Jugend« statt, das in Zusammenarbeit mit dem Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien geplant und gestaltet wurde und Begegnungen von Fachleuten aus mehreren europäischen Ländern ermöglichte. (Besonders lobenswert: Die Pressemappe mit Stadtplan, Wegbeschreibungen und Hinweisen zu den Wiener Linien, die den Nichtwienern das Leben erleichterte.)

Betrachtet man das Theater der Jugend von heute, diesen wie am Schnürchen funktionierenden Betrieb mit hohem künstlerischem Niveau, so fasst man es kaum, welche Höhen und Tiefen es im Laufe der Jahre mitmachen musste.

1932 als "Theater der Schulen" gegründet, das Kindern zu erschwinglichen Theaterkarten und arbeitslosen Schauspielern zu Engagements verhelfen sollte, wurde es wenige Jahre später von der Politik vereinnahmt.

Nach 1945 nach den alten Statuten neu gegründet, wurde es vor allem von den Deutschprofessoren als Unterstützung ihres Unterrichts angenommen. 1957 begann man mit eigenen Produktionen, 1964 wurde das Theater im Zentrum zur zweiten Spielstätte.

Feindbild Märchen

Doch bald schlug die Politik wieder zu: Nach 1968 setzte sich das "emanzipatorische Kindertheater" durch, dessen Feindbilder Märchen und Sagen waren. Erst in den frühen Achtzigerjahren (Direktor war damals Edwin Zbonek) wurde das Märchen rehabilitiert, sein Wert neu erkannt. Doch da war Zbonek schon zwischen die Fronten geraten, war den Linken zu rechts, den Rechten zu links. Einbrüche bei den Besucherzahlen waren die Folge. Erst später wendete sich alles wieder zum Besseren und bewegte sich kontinuierlich auf die heutige stabile Situation zu.

Dies und noch viel mehr beleuchteten etwa Birgit Peter und Chefdramaturg Gerald M. Bauer (um nur zwei zu nennen) in ihren Referaten.

Der Mittwochnachmittag gehörte dann ganz den Diskussionen: Autorinnen und Autoren tauschten ihre Meinungen zum Thema "Nur für Kinder?" aus, Intendantinnen und Intendanten sprachen über ihre Pläne, ihre Projekte, und eine Kritikerrunde war mit dem Thema "Kinder lesen keine Kritiken" (was allerdings mehrheitlich bezweifelt wurde) befasst.

Aufregung im Publikum löste der Vorschlag aus, es sollten doch auch Kinder als Kritiker zu Worte kommen, und es dauerte eine ganze Weile, bis das Missverständnis aufgeklärt war: "Zusätzlich" war gemeint, nicht "statt".

Was von dem Gehörten in Erinnerung bleiben wird, was die Tage nachhaltig gebracht haben, ist schwer zu beurteilen. Wichtig ist, dass sich Menschen hier eindringlich mit dem Kinder- und Jugendtheater befasst haben, dass Erfahrungen ausgetauscht, Probleme besprochen wurden. Denn für Kinder ist Beste gerade gut genug. Und sie auf ihrem Weg zu begleiten und zu unterstützen, sollte wohl eine Selbstverständlichkeit sein. Lona Chernel

Die Presse – 28. November 2007

Keine Bühne für »Theaterjuden«

Das »Theater der Jugend« feiert seinen 75. Geburtstag mit einem Symposium, bei dem auch eine dunkle Seite ans Licht kam: Antisemitismus.

Eigentlich sollte man nicht glauben, dass es da noch viel zu forschen gäbe: Schließlich geht es ums Theater der Jugend – das ist so etwas wie eine Wiener Institution. Irgendwie scheint es dieses Theater immer schon gegeben zu haben. Und jeder Wiener meint, es zu kennen.

Theaterwissenschaftlerin Birgit Peter hat aber Protokolle hervorgekramt, die mancher lieber in den Archiven verstaubt gesehen hätte. Beim Symposium, mit dem das Theater der Jugend sein 75-jähriges Bestehen feiert, konnte sie damit gestern ein Bild von den Anfängen dieser Institution zeichnen, das so überraschend ist wie folgerichtig. Überraschend, weil sich manches ganz anders zugetragen hat als bisher vermutet. Folgerichtig, weil die Entwicklung des Theaters der Jugend auch ein Spiegel der Zeit ist: Da geht es um Antisemitismus, der schon 1934 immer stärker die Richtung bestimmt, aber erst 1938 offen zur Schau gestellt werden darf; um Richtungsstreits innerhalb des Austrofaschismus; um Opportunismus. Und um den Versuch, nach 1945 mit Hilfe der Kultur zu heilen, was nicht zu heilen war.

Gegründet im Roten Wien …

Zunächst zur Überraschung: Bisher glaubte man, ein gewisser Hofrat Zwanzger (der nur so klingt, als hätte Doderer ihn erfunden!) habe das Theater gegründet oder zumindest dabei die Hauptrolle gespielt. Nun stellt sich heraus: Er saß zwar gemeinsam mit dem ehemaligen Burgtheaterdirektor Franz Herterich im Vorstand des damals »Theater der Schulen« genannten Vereins. Federführend und ideengebend war aber ein Schauspieler, der später kaum in Erscheinung trat und dessen Namen man in den Annalen der Wiener Theatergeschichte vergeblich sucht: Stefan Wagner. Er gründete das Theater, um Kindern und Jugendlichen Zugang zu billigen Karten zu verschaffen. Ein emanzipatorischer Ansatz, der dem damals Roten Wien zupass kam.

Es war eine Erfolgsstory: 50.000 Karten wurden im ersten Jahr verkauft: durchwegs für Eigenproduktionen, die auf Bühnen wie dem Bürgertheater oder in der Volksoper gespielt wurden und von Wagner als künstlerischem Leiter betreut wurden.

Unruhe kam 1934 auf. Am 23. Oktober wurde das »Theater der Schulen« aufgelöst, als »Theater der Jugend« neu gegründet, 1936 in das Vaterländische Frontwerk »Neues Leben« eingegliedert. Ab jetzt saßen Beamte des Ministeriums im Vorstand. Durch einen Trick wurde auch Wagner entmachtet: Im neuen Vereinsstatut fehlte der Posten des künstlerischen Leiters. Was auf den ersten Blick wirkt, als hätte der Ständestaat das Rote Wien entmachtet, entpuppt sich bei genaueren Hinsehen als Richtungskampf innerhalb des Austrofaschismus. Wagner gehörte den von Schuschnigg gegründeten ostmärkischen Sturmtruppen an – und drohte, sich beim Kanzler zu beschweren. Vor allem aber machte er dem »Theater der Jugend« lebhaft Konkurrenz. An dessen Eröffnungstag – mit Shakespeare – lud Wagner zu »Karl May Festspielen für alle Buben und Mädel.«

Wer den Kampf um die Publikumsgunst gewann, lässt sich nur erahnen. Die Erforschung dieser Zeit ist mühsam: Niemand hatte es für Wert befunden, etwa Spielpläne zu archivieren. Auch die Forschung hat sich mit dem Thema wenig beschäftigt: Es gibt eine Dissertation von Heike Curtze aus den 70er-Jahren, die sich weitgehend auf Quellen bezieht, die im Besitz von nicht näher genannten Privatpersonen waren. Außerdem konnte Peter auf Horst Jarkas Studie »Theater für eine Jugend in Gefahr« (1981) und auf Hilde Haider-Preglers Aufsatz »Tarnungen und (Ent)täuschungen« im Band »Verspielte Zeit« zurückgreifen. Beide beschäftigen sich mit dem Skandal um den 1933 aus Deutschland nach Wien geflohenen und mit seiner »Österreichischen Volksbühne« erfolgreichen Walter Firner. Der hätte gerne Produktionen für das Theater der Jugend angeboten. Doch sein Angebot wurde abgelehnt. Der Skandal daran: Firner klagte, weil ihm unterstellt worden war, Kommunist zu sein. Horst Jarka und Hilde Haider-Pregler konnten nachweisen, dass sich hinter der Ablehnung des renommierten Theatermannes antisemitische Ressentiments verbargen.

Für ihren Symposiumsbeitrag hat Peter die Protokolle der Vorstandssitzungen ab 1934 ausgehoben: Unverhohlen antisemitisch gaben sich schon 1934 die Beamten des Unterrichtsministeriums. Davon, dass den »Theaterjuden« kein Raum mehr gegeben werden dürfe, war die Rede. Davon, dass es eine Unverschämtheit sei, dass sich das Theater Firners »Österreichische Volksbühne« nennen dürfe – wo doch nur Juden dort spielten. Aber auch davon, dass all dies nicht in die Öffentlichkeit dringen dürfe. Die interne Sprachregelung lautete, Firner sei Kommunist und deshalb abzulehnen. Es sei in jedem Fall der Eindruck zu vermeiden, man handle aus antisemitischen Motiven!

… übernommen von der Hitlerjugend

Die Vorsicht wurde schrittweise aufgegeben – bis 1938 der Antisemitismus endgültig salonfähig wurde. Das Theater der Jugend wurde als Verein aufgelöst und vom Veranstaltungsring der HJ übernommen, die damit einen Beitrag zur »weltanschaulichen Erziehung der Jugend« leisten wollte.

Das Theater der Jugend hatte aufgehört zu existieren – bis es 1945 neu gegründet wurde. Wieder mit dabei: Hofrat Zwanzger und Franz Herterich. Wie vor 1934 verkaufte man billige Karten für Produktionen von Wiener Theatern, die für Jugendliche geeignet erschienen. Man gab sich betont unpolitisch: »Nicht lange reden, mehr handeln« war die Devise. »Es ging um den Aufbau der Nation über die Kultur!«

Von Wagner gibt es nach 1945 eine Spur: Peter entdeckte seinen Namen, als sie sich im Theatermuseum durch Stapel von Zeitungsausschnitten der Nachkriegszeit wühlte: Er hat 1951 in Wien das Stadttheater und das Raimundtheater in die Pleite geführt. Bettina Steiner